Die Straße von Hormus ist weit entfernt – doch eine Krise dort könnte Europas Flughäfen direkt treffen. Die EU reagiert mit einem Notfallplan für Kerosin und sucht nach Wegen, eine neue Schwachstelle in der Versorgungssicherheit zu schließen. Sollte die Blockade anhalten, drohen laut Branchenwarnungen bereits vor Beginn der Hauptsaison Engpässe. Gleichzeitig sind die Treibstoffkosten auf Langstreckenflügen aus Europa im Schnitt schon um 88 Euro pro Passagier gestiegen.
Die Europäische Union bereitet sich auf ein Szenario vor, das vor wenigen Wochen noch theoretisch wirkte und inzwischen den Luftverkehr unter akuten Risikodruck setzt: anhaltende Störungen rund um die Straße von Hormus – und die Frage, wie lange Europas Versorgung mit Kerosin unter solchen Bedingungen stabil bleibt. In Brüssel wird deshalb an einem Notfallrahmen gearbeitet, der nicht nur den Kraftstoffmarkt im Blick hat, sondern auch Regeln für Flughäfen, Airlines und das Krisenmanagement. EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas machte deutlich, dass es derzeit zwar noch keine unmittelbaren Versorgungsengpässe gebe, eine längere Blockade der Route aber gravierende Folgen haben könnte. Die Kommission will deshalb neue Leitlinien vorlegen – unter anderem zu Flughafen-Slots, Anti-Tankering-Regeln, Passagierrechten und gemeinwirtschaftlichen Verkehrsverbindungen – und zugleich ein europäisches Monitoring-System für Kerosin aufbauen.
Europas Luftverkehr bleibt strukturell verwundbar
Der Grund für die Nervosität in Brüssel ist klar: Europas Luftverkehr ist verwundbarer, als es auf den ersten Blick wirkt. Nach Reuters importiert die EU rund 30 bis 40 Prozent ihres Kerosinbedarfs, und etwa die Hälfte dieser Importe kommt aus dem Nahen Osten. Fällt diese Route länger aus oder wird sie schwer kalkulierbar, trifft das den europäischen Luftverkehr an einer besonders sensiblen Stelle – mitten in der Sommersaison, in der Ausfälle schnell auf Flughäfen, Airlines, Fracht und Tourismus durchschlagen können. Branchenvertreter warnten bereits, dass eine länger anhaltende Störung der Lieferketten über den Golf innerhalb weniger Wochen zu Engpässen führen könnte.
Brüssel setzt auf Kontrolle statt Alarmismus
Gerade deshalb verläuft die Debatte in Brüssel deutlich nüchterner, als es manche alarmistische Schlagzeilen vermuten lassen. Im Zentrum steht nicht die Gefahr eines unmittelbaren Versorgungskollapses, sondern die Frage, wie schnell sich ein zunächst beherrschbares Marktproblem zu einer operativen Krise zuspitzen könnte. Die EU-Kommission setzt dabei auf mehrere Hebel gleichzeitig: mehr Transparenz über verfügbare Mengen, eine engere und schnellere Koordination zwischen den Mitgliedstaaten sowie – falls erforderlich – eine abgestimmte Nutzung vorhandener Reserven. Laut Reuters wird zudem geprüft, zusätzliche Mengen an Jet Fuel aus den USA zu importieren. Parallel will die Kommission systematisch erfassen, welche europäischen Raffinerien Kerosin liefern können und wo sich kurzfristig zusätzliche Kapazitäten aktivieren lassen.
Das Kernproblem liegt dabei nicht nur in der Herkunft des Treibstoffs, sondern darin, dass das System nur langsam reagiert. Selbst eine kurzfristige Entspannung der Lage im Golf würde Europa nicht sofort entlasten. Rohöl und Raffinerieprodukte brauchen Zeit für den Transport auf dem Seeweg, Tankerrouten lassen sich nur begrenzt beschleunigen, und viele europäische Raffinerien arbeiten bereits nahe an ihrer Kapazitätsgrenze. Damit wird die betriebliche Resilienz der Raffinerien selbst zu einem entscheidenden Faktor der Krisenreaktion. Anders gesagt: Auch eine schnelle diplomatische Lösung würde das logistische Nachbeben nicht sofort abfedern
Deutschland sieht noch keine akute Knappheit
Für Deutschland ist die Lage bislang angespannt, aber stabil. Die Bundesregierung sieht die Versorgung noch als gesichert, doch der Ton in Berlin ist ernster geworden. Bundeskanzler Friedrich Merz warnte, die Krise bedrohe die wirtschaftliche Entwicklung weltweit und könne weit über den Nahen und Mittleren Osten hinaus politische Destabilisierung auslösen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte zwar, derzeit gebe es keine Kerosinknappheit. Gleichzeitig stellte die Bundesregierung die Energieversorgung unter verschärfte Beobachtung: Reuters zufolge beschloss der Nationale Sicherheitsrat, dafür ein eigenes Sondergremium einzurichten.
Aus der Branche kommen jedoch deutlich schärfere Warnungen. Der europäische Flughafenverband ACI Europe hält bei anhaltenden Störungen sogar eine systemische Kerosinknappheit in Europa innerhalb von drei Wochen für möglich. Noch gibt es also keinen akuten Engpass – aber auch keine Illusion mehr, dass der Markt eine längere Störung folgenlos wegstecken würde.

Europe’s Jet Fuel Challenge, Graphic by Energy Europe Editorial Team
Der Preisdruck trifft Airlines bereits jetzt
Hinzu kommt ein zweites Problem, das für Airlines fast genauso heikel ist wie die physische Verfügbarkeit von Kerosin: die Preisentwicklung. Eine aktuelle Auswertung der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) zeigt, wie stark der Kostendruck bereits gestiegen ist. Demnach ist der Treibstoffanteil auf Langstreckenflügen aus Europa seit Beginn des Konflikts im Schnitt um 88 Euro pro Passagier gestiegen, auf innereuropäischen Flügen um 29 Euro. Bei einzelnen Verbindungen fällt der Aufschlag noch stärker aus. Auf der Strecke Paris-New York liegt er laut der Analyse bei rund 129 Euro pro Passagier. Das ist keine abstrakte Marktschwankung mehr, sondern ein Kostenfaktor, den Fluggesellschaften entweder selbst tragen oder an Kund:innen weitergeben müssen.
Diversifizierung bleibt die strategische Antwort
Brüssel reagiert allerdings nicht nur defensiv. Die Kommission verbindet das Krisenmanagement mit ihrer längerfristigen Strategie, die Abhängigkeit des Luftverkehrs von importiertem fossilem Kerosin zu verringern. Reuters zufolge soll die Produktion nachhaltiger Flugkraftstoffe und synthetischer Alternativen weiter beschleunigt werden. Das wirkt jedoch erst mittelfristig bis langfristig, nicht als schnelle Entlastung in den kommenden Tagen. Nach den Regeln von ReFuelEU Aviation gilt an EU-Flughäfen derzeit eine verbindliche Beimischungsquote von 2 Prozent nachhaltigem Flugkraftstoff; bis 2030 steigt diese Quote auf 6 Prozent. Die Regulierung ist damit keine Soforthilfe gegen eine akute Hormus-Störung, aber Teil der strategischen Antwort auf die grundsätzliche Verwundbarkeit des Systems.
Reserven können Zeit kaufen, aber nicht das Problem lösen
Darum rückt auch die Frage der Reserven stärker in den Mittelpunkt. Die Mitgliedstaaten halten Notfallbestände an Öl und Ölprodukten, eine eigenständige europäische Pflichtreserve nur für Kerosin gibt es allerdings nicht. Laut Reuters könnte die EU bei anhaltenden Störungen eine koordinierte Freigabe von Beständen organisieren. Das würde den Markt kurzfristig stabilisieren, ersetzt aber keine belastbare Diversifizierung der Lieferwege. Entscheidend ist deshalb, wie schnell Europa zusätzliche Mengen aus anderen Regionen beschaffen und innerhalb der Union verteilen kann. Dass Brüssel dafür jetzt Leitlinien vorbereitet, zeigt vor allem eines: Die Kommission hält das Risiko längst nicht mehr für theoretisch.
Europas Achillesferse im Luftverkehr wird sichtbar
Die Hormus-Krise ist für Europa mehr als ein ferner geopolitischer Konflikt, sie ist ein Stresstest für die eigene Versorgungssicherheit. Noch gibt es keinen Mangel, doch die Abhängigkeit von externen Routen ist sichtbar geworden. Die Antwort kann deshalb nicht nur aus Krisenmanagement bestehen. Kurzfristig muss die EU Reserven koordinieren, alternative Lieferungen sichern und Engpässe im Binnenmarkt aktiv verhindern. Dauerhaft lösen lässt sich das Problem aber nur durch mehr Diversifizierung, belastbare Raffineriekapazitäten in Europa und einen schnelleren Hochlauf nachhaltiger Flugkraftstoffe. Der Notfallplan für Kerosin ist damit mehr als eine technische Vorsichtsmaßnahme: Er ist der Versuch, Europas größte Schwäche im Luftverkehr endlich strategisch anzugehen.