Europa soll bis 2040 zum ersten „Elektro-Kontinent“ werden. Die Europäische Kommission will den Stromanteil am Endenergieverbrauch von derzeit rund 23% auf 50% erhöhen. Zwar decken erneuerbare Energien bereits 47,5% des Bruttostromverbrauchs in der EU ab, doch für den nächsten Schritt braucht Europa günstigeren Strom, leistungsfähigere Netze und eine deutlich schnellere industrielle Umstellung als Brüssel sie bisher durchsetzen konnte.
Im Juli 2026 will die EU einen neuen Aktionsplan zur Elektrifizierung vorlegen. Er soll die Wirtschaft der Europäischen Union dauerhaft von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen lösen. Die Zielvorgaben sind ehrgeizig. Das offizielle Ziel der Kommission sieht vor, dass der Stromanteil am Endenergieverbrauch bis 2030 auf 32% steigt, gegenüber dem rund 23% im Jahr 2020. In ihrem 2025 veröffentlichten 10. Bericht zum Stand der Energieunion erklärt die EU Kommission, dass der Anteil des Stroms am Endenergieverbrauch bis 2040 50% erreichen soll. Noch ist das kein formelles Ziel, könnte jedoch zu einem werden.
Ein strategischer Weckruf
In den vergangenen Jahren haben zunehmend volatile internationale Beziehungen die europäischen Energiemärkte immer wieder erschüttert. Dazu gehörten Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022 ebenso wie die jüngste Konfrontation der USA mit dem Iran im Jahr 2026.
Hinzu kommt Brüssels Anspruch, beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Europa muss sich zu einem „Elektrokontinent“ entwickeln, wie es EU-Kommissar für Energie und Wohnen Dan Jørgensen im Juni 2026 auf dem Power Summit von Eurelectric, dem europäischen Verband der Elektrizitätswirtschaft, in Helsinki formulierte.
Die Botschaft lautet: Eine Diversifizierung der Energiequellen allein reicht nicht aus. Europa soll sich stärker auf die eigene Erzeugung stützen. Strom aus erneuerbaren Energien soll Vorrang vor fossilen Brennstoffen haben. Die Phase des Weckrufs ist vorbei; jetzt geht es darum, die einzelnen Teile des europäischen Energiesicherheitspuzzles zusammenzufügen.
Warum Elektrifizierung wichtig ist
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Stromsektor der EU rasch dekarbonisiert. Der Rest der Wirtschaft hinkt jedoch hinterher. Im Jahr 2024 machten erneuerbare Energien 47,5 % des Bruttostromverbrauchs in der EU aus. 2014 waren es noch 28,6 %. Dennoch deckt Strom weiterhin nur rund 23 % des Endenergiebedarfs.
Zwar wächst die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, die Systeme, die den Strom zuverlässig, einfach nutzbar und in großem Maßstab zu den Verbrauchern bringen sollen, sind aber noch nicht vollständig ausgebaut.
Die aktuelle politische Ausrichtung der EU-Kommission räumt der direkten Elektrifizierung zunehmend Vorrang ein. Das Prinzip „Elektrifizierung zuerst“ ist noch nicht gesetzlich verankert, gewinnt politisch jedoch an Bedeutung. Es würde das Prinzip „Energieeffizienz zuerst“ ergänzen und der EU-Energiepolitik einen kohärenteren Rahmen verleihen.
Die Idee klingt zunächst ganz einfach: Wenn ein Prozess direkt mit sauberem Strom betrieben werden kann, warum sollte man dann weniger effiziente Alternativen subventionieren? Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe und Bioenergie werden weiterhin gebraucht. Sie dürften aber vor allem dort eine Rolle spielen, wo sich Sektoren nur schwer elektrifizieren lassen.
Das Problem der Preissignale
Eurelectric argumentiert, dass Strom im Jahr 2023 pro Energieeinheit etwa 1,4-mal stärker besteuert wurde als Gas. Dieses Preissignal wirkt der EU-Vision einer nachhaltigeren Zukunft entgegen. Es macht den Umstieg für Haushalte und Unternehmen weniger attraktiv.
Ein einfaches Beispiel: Eine Wärmepumpe kann drei- bis fünfmal effizienter sein als ein Gasheizkessel. Wenn Strom jedoch zu stark besteuert wird, rechnet sich der Wechsel weniger eindeutig. Auf Heizen und Kühlen entfallen rund 50% des gesamten Energieverbrauchs in der EU. Mehr als 70% davon stammen weiterhin aus fossilen Brennstoffen, vor allem aus Erdgas.
Brüssel scheint dieses Problem erkannt zu haben. Ein von Reuters berichteter Vorschlagsentwurf sieht vor, Strom niedriger zu besteuern als Erdgas. Dadurch sollen Elektroautos, Wärmepumpen und die Elektrifizierung der Industrie wettbewerbsfähiger werden. Außerdem sollen Verbraucher ermutigt werden, ihren Stromverbrauch in günstigere Zeitfenster zu verlagern. Bis 2030 soll die Hälfte der Stromkunden über intelligente Zähler verfügen.
Die genauen Änderungen müssen jedoch noch ausgehandelt werden. Steuerfragen sind für nationale Regierungen seit jeher ein heikles Thema.
Neugestaltung des Stromnetzes
Finanzielle Anreize sind nur eine Säule der Lösung. Eine weitere ist der Transport und die Verteilung von Energie. Das Stromnetz muss in beispiellosem Tempo ausgebaut und digitalisiert werden.
Experten schätzen, dass mehr als 40 % der europäischen Verteilnetze über 40 Jahre alt sind und modernisiert werden müssen. Das wird Hunderte Milliarden Euro kosten. Im Bericht „Grids for Speed“ von Eurelectric schätzt Leonhard Birnbaum, Vorstandsvorsitzender von E.ON und Präsident von Eurelectric, dass bis 2030 rund 584 Milliarden Euro für das Stromnetz benötigt werden. „Der physische Ausbau des Netzes muss mit einer sofortigen Digitalisierung einhergehen, denn ein Netz, das nicht intelligent ist, kann die enorme Anzahl an Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen, die wir anstreben, nicht bewältigen“, sagt er.
Die Aufgabe ist gewaltig und erfordert ein koordiniertes Vorgehen vieler Akteure. Der Ausbau wird von einer Mischung aus privatwirtschaftlichen, staatlichen und kommunalen Unternehmen getragen – von Übertragungsnetzbetreibern und Verteilnetzbetreibern. Finanziert werden soll er überwiegend durch privates Kapital.
Das größte Hindernis ist jedoch nicht der Mangel an Akteuren oder Geld. Entscheidend sind vielmehr die regulatorischen Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene. Die EU gibt zwar einen strategischen Rahmen vor. Wie die Netze betrieben werden und wie viel ihr Ausbau kostet, bestimmen aber weiterhin nationale Vorschriften.
Die Anpassung des Rechtsrahmens braucht Zeit und sorgfältige Koordination. Das gilt besonders, weil Stromnetze grenzüberschreitend funktionieren müssen.

Kann die EU bis 2040 zum ersten „Elektro-Kontinent“ werden? Grafik: Energy Europe Editorial Team
Die Industrie steht vor der größten Herausforderung
Die bedeutendsten Veränderungen müssen in energieintensiven Sektoren stattfinden.
Der Verkehrssektor ist ein gutes Beispiel. Die städtische Mobilität bewegt sich dank relativ kurzer Strecken und besser ausgebauter Infrastruktur bereits in Richtung Dekarbonisierung. Der Fernverkehr mit Lastwagen ist deutlich schwieriger. Er braucht Hochleistungsladestationen entlang der wichtigsten Korridore, Netzanschlüsse an Logistikknotenpunkten und grenzüberschreitend harmonisierte Standards.
Die Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe weist in diese Richtung. Bis 2030 sollen Ladestationen für schwere Nutzfahrzeuge im TEN-V-Kernnetz alle 60 Kilometer und im umfassenden TEN-V-Netz alle 100 Kilometer verfügbar sein. Die Industrie warnt jedoch, dass die Infrastruktur der Nachfrage weiter hinterherhinkt. Der europäische Automobilherstellerverband ACEA schätzte, dass es in der EU im Jahr 2023 mehr als 630.000 öffentliche Ladepunkte gab. Das Ziel der Kommission für 2030 würde etwa 3,5 Millionen erfordern. ACEA selbst geht sogar davon aus, dass der tatsächliche Bedarf bei 8,8 Millionen liegen könnte.
Die Industrie steht vor einer ähnlichen Herausforderung. Im Jahr 2024 entfiel fast die Hälfte des industriellen Endenergieverbrauchs in der EU auf fossile Energieträger – vor allem Erdgas, Ölprodukte und feste fossile Brennstoffe.
In der Glasherstellung etwa würde die Elektrifizierung den Austausch der meisten derzeit genutzten Öfen erfordern. Eurostat-Daten zeigen, dass bei der Herstellung von Glas und Glasprodukten im Jahr 2024 71,9 % des Endenergieverbrauchs auf Erdgas entfielen.
Die Stahlindustrie befindet sich in einer anderen Phase. Lichtbogenöfen spielen bereits eine zentrale Rolle bei der CO₂-ärmeren Stahlherstellung, insbesondere dort, wo Schrott verfügbar ist. Die Primärstahlproduktion steht jedoch weiterhin vor deutlich größeren technologischen und finanziellen Hürden.
Selbst wenn die EU die Besteuerung von Strom und fossilen Brennstoffen angleicht, bleibt der Austausch bestehender Anlagen die größte Schwierigkeit. Eine Umsetzung innerhalb von anderthalb Jahrzehnten ist daher höchst ungewiss. Der Übergangsplan mag auf dem Papier machbar sein. Der Zeitplan für den industriellen Wandel sei jedoch „erschreckend knapp“, sagte Simone Tagliapietra, Senior Fellow bei Bruegel, auf der Cleantech-Konferenz 2025 in Brüssel.
Insgesamt werden strombasierte Lösungen nur dann funktionieren, wenn Strompreise niedrig und zugleich sehr stabil sind. Das ist heute noch nicht der Fall. Gründe dafür sind Netzengpässe, begrenzte Speicherkapazitäten und unzureichende Infrastruktur. Technologischer und regulatorischer Fortschritt muss darauf aufbauen.