EUROPA BRICHT MIT DEM ATOM-TABU

Die Kernenergie steht wieder auf Europas politischer Agenda. Nach Jahren der Stilllegungen und Auseinandersetzungen rückt Kernenergie in Europa wieder stärker in den Fokus. Eine wachsende Gruppe von EU-Spitzenpolitikern sieht sie nicht mehr als Technologie der Vergangenheit. Sie betrachtet Atomkraft als Teil der künftigen Energiesicherheit.

Das Hauptargument lautet: Kernkraftwerke liefern stabilen, kohlenstoffarmen Strom, sind nicht wetterabhängig und können die Industrie zuverlässig versorgen.

 

Das Signal aus Paris

Ein wichtiges Signal kam im März 2026 auf dem Kernenergiegipfel in Paris. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bezeichnete Europas Entscheidung zum Ausstieg aus der Kernenergie wörtlich als „Fehler“.

Sie verwies darauf, dass 1990 etwa ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie stammte. Heute liege der Anteil bei knapp 15%. Diese Zahl nutzte sie als politischen und historischen Vergleich. Der aktuelle EU-Anteil lag in den vergangenen Jahren allerdings bei rund 22%.

„Dieser Rückgang des Anteils der Kernenergie war eine bewusste Entscheidung. Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren“, sagte von der Leyen.

Sie argumentierte, dass Europa durch teure und schwankungsanfällige Importe fossiler Brennstoffe geschwächt werde. Die EU brauche deshalb eigene kohlenstoffarme Energiequellen. Dazu zählte sie sowohl erneuerbare Energien als auch Kernenergie.

Die EU Kommission kündigte außerdem an, bis 2028 zusätzliche Garantien von 200 Millionen Euro zu prüfen. Damit sollen erste kommerzielle Anlagen innovativer Nukleartechnologien unterstützt werden. Dazu gehören auch kleine modulare Reaktoren.

Frankreich setzt auf nukleare Souveränität

Frankreich bleibt Europas stärkster Befürworter der Kernenergie. Für Paris ist Atomkraft nicht nur ein Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Sie gilt auch als strategischer Vorteil für die Energieunabhängigkeit.

Französische Reaktoren liefern seit Jahrzehnten den Großteil des Stroms im Land. Sie bleiben ein zentraler Bestandteil des französischen Energiemodells.

Auf dem Gipfel gaben Frankreich und mehrere weitere Länder eine gemeinsame Erklärung ab. Darin bezeichneten sie Kernenergie als „strategischen Vorteil“. Sie soll helfen, den steigenden Energiebedarf zu decken, Treibhausgasemissionen zu senken und Energiesicherheit gewährleisten.

In der Erklärung wird Kernenergie als sichere, zuverlässige und regelbare Grundlastquelle beschrieben. Sie könne andere emissionsarme und emissionsfreie Energiequellen ergänzen.

Eine weitere Erklärung betraf die Finanzierung neuer Kernenergieprojekte. Diese wurde unter anderem von Frankreich, Belgien, Finnland, Italien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, der Slowakei und Slowenien unterzeichnet. Die Länder fordern eine angemessene, vorhersehbare und vielfältige Finanzierung. Dafür sollen öffentliche Mittel, internationale Finanzinstitutionen, Exportkreditagenturen, private Investoren und neue Finanzierungsinstrumente genutzt werden.

Die Atomkraft-Befürworter organisieren sich

Frankreich steht mit dieser Position nicht allein. Im März 2026 koordinierten mehrere kernkraftbefürwortende EU-Länder ihr Vorgehen in der sogenannten Nuklearallianz. Diese Initiative wurde 2023 von Frankreich ins Leben gerufen.

Zu den beteiligten Ländern gehören Frankreich, Schweden, Italien, Polen, die Niederlande, Belgien, Tschechien, Finnland, Rumänien, die Slowakei und Slowenien.

Diese Staaten werben für Kernenergie als Teil der europäischen Strategie für Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit. Ihr zentrales Argument: Atomkraft kann Solar- und Windenergie ergänzen. Sie liefert auch dann Strom, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Europa kehrt damit zwar nicht geschlossen zur Kernenergie zurück, das politische Gleichgewicht hat sich jedoch verschoben. Befürworter der Atomkraft sind nicht mehr die Ausnahme, sondern bilden inzwischen einen organisierten Block innerhalb der EU.

Schweden, Italien und Belgien ändern ihren Kurs

Schweden hat einen besonders sichtbaren Kurswechsel vollzogen. Nach jahrelangen Debatten über eine kleinere Rolle der Kernenergie plant die Regierung nun den Ausbau neuer Reaktoren.

Staatliche Hilfen für Investitionen in die Kernenergie sind auf rund 5.000 Megawatt Leistung begrenzt. Das entspricht etwa vier großen Reaktoren. Die schwedische Regierung betont, dass Kernenergie eine wichtige Rolle bei der fossilfreien Stromerzeugung in der EU spiele. Stockholm arbeitet dabei mit anderen Ländern der Nuklearallianz zusammen.

Auch Italien bereitet eine mögliche Rückkehr vor. Das Land war nach Referenden in den Jahren 1987 und 2011 aus der Kernenergie ausgestiegen. 2025 verabschiedete die Regierung von Giorgia Meloni jedoch einen Plan für neue Nukleartechnologien. Im Mittelpunkt stehen kleine und fortschrittliche modulare Reaktoren.

Meloni stellte diesen Schritt als Möglichkeit dar, saubere, sichere und kostengünstige Energie bereitzustellen. Außerdem soll Italiens Energiesicherheit gestärkt werden.

Belgien änderte ebenfalls seinen Kurs. Das Land hatte ursprünglich einen vollständigen Atomausstieg geplant. 2025 hob das Parlament jedoch das Atomausstiegsgesetz von 2003 auf. Damit entfiel auch das Verbot neuer Atomkraftkapazitäten.

Das bedeutet nicht, dass sofort neue Reaktoren entstehen werden. Der Schritt öffnet aber einen möglichen Weg, der zuvor rechtlich versperrt war.

Warum Atomkraft wieder als Lösung gilt

Die Rückkehr der Atomenergie wird nicht nur von der Klimapolitik angetrieben. Nach der Energiekrise von 2022 hat Europa seine Energieabhängigkeit neu bewertet.

Billiges russisches Gas gilt nicht mehr als verlässliche Grundlage für die europäische Wirtschaft. LNG-Importe wiederum machen die EU abhängig vom globalen Wettbewerb und von Preisschwankungen.

Gleichzeitig steigt der Strombedarf. Verkehr, Industrie und Heizung werden zunehmend elektrifiziert. Auch Rechenzentren und Anwendungen der künstlichen Intelligenz benötigen große Mengen Strom.

Für energieintensive Unternehmen wird günstige und zuverlässige Energie damit zu einer Frage der Wettbewerbsfähigkeit.

Befürworter der Atomkraft warnen, Europa könne ohne Kernenergie ein instabiles Energiesystem aufbauen. Es wäre zu stark von Wetter, Importen und teuren Reservekapazitäten abhängig.

Gegner sehen das anders. Sie verweisen auf lange Bauzeiten, hohe Kosten und das ungelöste Problem des radioaktiven Abfalls.

NPP Comeback in Europe. Graphic by the Energy Europe Editorial Team

NPP Comeback in Europe. Graphic by the Energy Europe Editorial Team

Deutschland bleibt die größte Ausnahme

Deutschland ist die deutlichste Ausnahme in Europa. Während immer mehr EU-Länder eine Rückkehr zur Kernenergie prüfen oder bereits vollziehen, plant Berlin keinen Wiedereinstieg.

Deutschlands Atomzeitalter endete offiziell am 15. April 2023. An diesem Tag wurden die letzten drei Reaktoren Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 endgültig abgeschaltet. Sie gingen anschließend in die Stilllegung.

An einigen Standorten hat der Rückbau bereits begonnen. Im Oktober 2025 wurden die Kühltürme des ehemaligen Kraftwerks Gundremmingen in Bayern gesprengt. Das war ein symbolisches Zeichen: Deutschland hält seine alte Atom-Infrastruktur nicht für eine mögliche Rückkehr bereit.

Eine Wiederinbetriebnahme der Reaktoren wäre sehr aufwendig und kostspielig. Sie würde eine politische Kehrtwende, neue Genehmigungen und den Wiederaufbau von Fachpersonal erfordern. Auch Brennstoff müsste beschafft und der Rückbau gestoppt werden. Hinzu kämen hohe Investitionen.

Der deutsche Kernenergieverband KernD schätzt die Kosten einer Wiederinbetriebnahme auf 1 bis 3 Milliarden Euro pro Reaktor. Für sechs potenziell geeignete Blöcke wären das etwa 6 bis 18 Milliarden Euro. Eine Garantie für diesen Zeit- und Kostenrahmen gäbe es jedoch nicht.

Selbst Politiker, die den Atomausstieg kritisieren, schlagen bisher keine echte Kehrtwende vor. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete den deutschen Ausstieg als schweren strategischen Fehler. Die Bundesregierung hat aber keine Pläne zur Wiederinbetriebnahme konventioneller Kernkraftwerke angekündigt.

Atommüll bleibt das größte Hindernis

Radioaktiver Abfall bleibt ein zentrales Hindernis. Deutschland hat noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall ausgewählt, der über Jahrzehnte entstanden ist.

Das Volumen beträgt etwa 27.000 Kubikmeter. Nach Angaben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit muss dieses Material bis zu einer Million Jahre lang sicher von der Umwelt isoliert werden.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung weist darauf hin, dass hochradioaktiver Abfall nur etwa 5% des gesamten radioaktiven Abfalls in Deutschland ausmacht. Er enthält jedoch rund 99% der Radioaktivität.

Auch die öffentliche Meinung ist gespalten. Eine Umfrage von Verivox und Innofact aus dem Frühjahr 2025 ergab, dass 55% der Befragten eine Rückkehr zur Kernenergie befürworten würden. 36% waren dagegen, 9% unentschlossen.

Solche Werte bedeuten aber nicht automatisch Zustimmung zu einem Endlager in der eigenen Nähe. Frühere Standortsuchen scheiterten. Der aktuelle Prozess ist langwierig und setzt auf wissenschaftliche Prüfung sowie Bürgerbeteiligung.

Auf EU-Ebene ist Deutschland weniger aktiv als früher, wenn es darum geht, Kernenergie aus der europäischen Klimapolitik herauszuhalten. Innerhalb Deutschlands bleibt eine Rückkehr dennoch sehr unwahrscheinlich.

Die Kraftwerke sind stillgelegt. Der Rückbau hat begonnen. Eine Wiederinbetriebnahme würde Milliarden kosten. Und die Abfallfrage ist weiter ungelöst.

Die Kernenergie ist zurück – aber umstritten

Europa kehrt nicht geschlossen zur Kernenergie zurück. Österreich, Luxemburg, Teile der deutschen Politik und Umweltorganisationen lehnen Atomkraft weiter ab. Sie halten sie für zu teuer und zu riskant. Außerdem verweisen sie auf lange Bauzeiten, Sicherheitsfragen und ungelöste Probleme beim Atommüll.

Trotzdem hat sich das politische Klima verändert. Kernenergie galt lange als Technologie der Vergangenheit. Heute wird sie in vielen Ländern wieder als Instrument der Energieunabhängigkeit, Klimapolitik und industriellen Wettbewerbsfähigkeit gesehen.

Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob Atomkraft auf Europas Agenda zurückgekehrt ist, sondern wann und wie.

Entscheidend ist nun, ob Europa neue Reaktoren schnell genug und zu vertretbaren Kosten bauen kann. Nur dann wird Kernenergie mehr sein als ein politisches Signal.