DAS BITTERE ERBE RADIOAKTIVER ABFÄLLE

Europa baut seine Kernkraftkapazitäten aus, doch sein radioaktives Erbe bleibt ungelöst. Da das weltweit erste geologische Tiefenendlager für abgebrannte Brennelemente erst jetzt kurz vor der Inbetriebnahme steht, tritt der Konflikt zwischen Risiken, die in Jahrtausenden gemessen werden, und einer von Wahlzyklen geprägten Politik immer deutlicher zutage. Im Kern ist Atommüll nicht nur eine technische Herausforderung – er ist eine Bewährungsprobe für Vertrauen, institutionelle Handlungsfähigkeit und generationenübergreifende Verantwortung.

 

Es ist nicht einfach, in Europa über Kernenergie – oder Atommüll – zu sprechen. Einerseits kann die Technologie zu größerer Energieunabhängigkeit beitragen, indem sie die Abhängigkeit des Kontinents von importierten fossilen Brennstoffen verringert und eine stabile Quelle CO₂-armen Stroms bereitstellt. Andererseits sind gesellschaftliche Ängste vor Radioaktivität nach wie vor tief verwurzelt.

Dennoch dürfte die installierte Kernkraftkapazität in der EU laut dem Hinweisenden Nuklearprogramm der Europäischen Kommission (PINC) von 98 GWe im Jahr 2025 auf rund 109 GWe bis 2050 steigen. Das Programm wurde im Juni 2025 von der Europäischen Kommission vorgelegt. Vor diesem Hintergrund ist die ungelöste Frage der Atommüllentsorgung keine Randfrage mehr. Sie wird zunehmend zu einem entscheidenden Faktor für die Glaubwürdigkeit der europäischen Ambitionen im Bereich der Kernenergie.

Die Kernenergie kehrt zurück – doch der Abfall bleibt

Die Wahrnehmung der Kernenergie als „notwendiges Übel“ hat Eingang in die europäische Politik gefunden. Im Jahr 2022 verabschiedete die Europäische Kommission den ergänzenden delegierten EU-Rechtsakt zur Klimataxonomie, mit dem bestimmte nukleare Tätigkeiten unter strengen technischen und ökologischen Auflagen als Übergangstätigkeiten in die EU-Taxonomie aufgenommen wurden.

Der Rechtsakt erklärte die Kernenergie nicht uneingeschränkt für nachhaltig. Ebenso wenig beendete er den seit Langem geführten politischen Streit über ihren Platz im europäischen Energiemix. Doch allein seine Existenz signalisierte einen institutionellen Wandel hin zur Akzeptanz der Kernenergie als Teil des Übergangs zur Klimaneutralität – und damit die wachsende Dringlichkeit, überzeugende Lösungen für die dabei entstehenden Abfälle zu finden.

In der EU verfügen 15 Mitgliedstaaten über Kernenergieprogramme. Auf sie entfallen volumenmäßig rund 99,5 Prozent des radioaktiven Abfallinventars der Union. Dreizehn dieser Länder betreiben derzeit Kernreaktoren. Doch jedes EU-Land erzeugt in irgendeiner Form radioaktive Abfälle, vor allem schwach- und sehr schwach radioaktive Abfälle aus Krankenhäusern, Industrieanlagen und Forschungseinrichtungen.

Das Problem reicht deshalb weit über die Länder hinaus, die Strom aus Kernenergie erzeugen. Radioaktiver Abfall ist nicht ausschließlich ein energiepolitisches Problem. Er ist eine gemeinsame und dauerhafte Folge der modernen Medizin, Wissenschaft und Industrie.

Vertrauen lässt sich nicht verordnen

In Europa, wo politische Entscheidungsfindung auf Verhandlungen, institutioneller Kontinuität und Kompromissen beruht, ist die Entsorgung radioaktiver Abfälle besonders schwierig. Endlagerprojekte erstrecken sich weit über einzelne Wahlperioden hinaus und sind deshalb in besonderem Maße anfällig für Veränderungen politischer Prioritäten.

Wie Kalev Kallemets, CEO von Fermi Energia und ehemaliges Mitglied des estnischen Parlaments, in einem Interview über die Atommüllpolitik erklärte: „Politiker denken nicht in Zeiträumen von 15 Jahren. Ihr Planungshorizont reicht nur bis zu den nächsten Wahlen – was in gewisser Weise ganz natürlich ist.“

Diese Schwierigkeit besteht unabhängig davon, ob ein Land weiterhin Kernkraftwerke betreibt. Frankreich, Europas größter Erzeuger von Kernenergie, treibt das Genehmigungsverfahren für das geologische Tiefenendlager Cigéo in der Region Meuse/Haute-Marne voran. In Schweden begann der Bau des Endlagers für abgebrannte Brennelemente in Forsmark offiziell im Januar 2025. Die Schweizer Entsorgungsorganisation Nagra reichte am 19. November 2024 ihr Rahmenbewilligungsgesuch für ein geologisches Tiefenlager in Nördlich Lägern beim Bundesamt für Energie ein. Der Antrag wird derzeit von den zuständigen Bundesbehörden geprüft.

Diese Projekte haben eines gemeinsam. Sie hängen nicht nur von geeigneten geologischen Bedingungen und zuverlässiger Technik ab, sondern auch vom mühsamen Aufbau gesellschaftlicher Zustimmung – einer Akzeptanz, die über Jahrzehnte wächst und auch Regierungswechsel überstehen muss.

Vertrauen lässt sich im Gegensatz zu einer Baugenehmigung nicht einfach per Gesetz schaffen. Es muss langsam erarbeitet werden, kann jedoch beinahe über Nacht verloren gehen.

Atommüll: Das Erbe der europäischen Atomkraft. Grafik: Energy Europe Editorial Team

Atommüll: Das Erbe der europäischen Atomkraft. Grafik: Energy Europe Editorial Team

Deutschlands unvollendete Aufgabe: Der Ausstieg löst das Problem nicht

Vielleicht veranschaulicht kein Land die institutionelle Dimension des Atommüllproblems deutlicher als Deutschland. Das Land vollzog seinen Atomausstieg im April 2023 nach einem langwierigen politischen Prozess, der durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 beschleunigt worden war.

Doch die Abschaltung der letzten Reaktoren beseitigte das angehäufte Erbe nicht. Sie trennte das Abfallproblem lediglich von der Stromerzeugung.

Deutschland muss ein Endlager für etwa 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfälle finden. Das endgültige Volumen hängt zum Teil von den gewählten Behältern und der geologischen Formation ab. Zum Material gehören jedoch abgebrannte Brennelemente und verglaste Rückstände, die nach der Wiederaufbereitung im Ausland nach Deutschland zurückgebracht wurden.

Derzeit werden diese Abfälle in Transport- und Lagerbehältern an 16 Zwischenlagerstandorten aufbewahrt. Die Anlagen sind technisch robust, erfordern jedoch eine kontinuierliche Überwachung, Wartung und Sicherung. Sie stellen gegenwärtig die beste verfügbare Lösung dar – wurden aber nie dafür konzipiert, zu dauerhaften Denkmälern politischer Unentschlossenheit zu werden.

Ein Endlager soll anders funktionieren. Statt auf unbestimmte Zeit von menschlicher Aufsicht, regelmäßiger Wartung und funktionsfähigen Institutionen abhängig zu sein, soll es durch ein System technischer Barrieren und stabiler geologischer Formationen passive Sicherheit gewährleisten.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) führt die Standortsuche durch und untersucht potenziell geeignete Gebiete. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) überwacht das Standortauswahlverfahren und ist für die Beteiligung der Öffentlichkeit zuständig. Gemeinsam müssen beide Institutionen sicherstellen, dass die Standortsuche transparent, wissenschaftlich nachvollziehbar und gesellschaftlich legitim erfolgt.

In einer Stellungnahme gegenüber dem Umweltausschuss des Bundestages betonte das BASE, dass die Glaubwürdigkeit des Verfahrens von Transparenz, institutioneller Unabhängigkeit und einer breiten gesellschaftlichen Beteiligung abhänge.

Nicht nur die Geologie muss stabil sein, sondern auch die Institutionen, die sie bewerten. Gleichzeitig müssen die Menschen und Kommunen in den betroffenen Regionen eine echte Rolle bei einer Entscheidung erhalten, deren Folgen weit über die Lebenszeit aller heute daran Beteiligten hinausreichen.

Unterdessen tickt die Uhr. Die Betriebsgenehmigungen mehrerer Zwischenlager werden voraussichtlich auslaufen, bevor ein Endlager den Betrieb aufnehmen kann. Deutschland wird deshalb einen rechtlichen und technischen Rahmen für eine verlängerte Zwischenlagerung schaffen müssen – und damit Lösungen fortführen, die ursprünglich ausdrücklich als vorübergehend gedacht waren.

Das Endlager für hochradioaktive Abfälle ist nur ein Teil des nuklearen Erbes des Landes. Deutschland muss außerdem rund 47.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfälle aus dem instabilen Bergwerk Asse II bergen, das ehemalige Endlager Morsleben stilllegen und die verbleibende nukleare Infrastruktur zurückbauen.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird dieses Erbe zunehmend mit Kosten, institutionellem Versagen und langfristigen Risiken verbunden. Die bittere Pille lässt sich nicht länger mit Versprechen von billigem Strom, technologischem Optimismus oder künftiger Energieunabhängigkeit versüßen. Was bleibt, ist die wenig glamouröse Aufgabe, für die Folgen früherer Entscheidungen zu bezahlen, Anlagen zurückzubauen und die Hinterlassenschaften dauerhaft zu sichern.

Europas wachsendes radioaktives Erbe

Deutschlands Herausforderungen sind keineswegs einzigartig. Laut dem dritten Bericht der Europäischen Kommission über die Fortschritte bei der Durchführung der Richtlinie 2011/70/Euratom hatten die EU-Mitgliedstaaten bis Ende 2019 rund 2,3 Millionen Kubikmeter radioaktiver Abfälle angehäuft. Der gemeldete Bestand war gegenüber dem vorherigen dreijährigen Berichtszeitraum um rund fünf Prozent gestiegen.

Diese Gesamtmenge umfasst Abfälle aus der Kernenergieerzeugung, aber auch radioaktives Material aus Medizin, wissenschaftlicher Forschung, Industrie und Bauwesen sowie aus dem Rückbau kerntechnischer Anlagen.

Rund 34 Prozent der gemeldeten Abfälle befanden sich in Lagerung, während 66 Prozent bereits endgelagert worden waren. Auf den ersten Blick mag dies beruhigend erscheinen. Die verwendete Terminologie bedarf jedoch einer Einordnung.

Der größte Teil des bereits endgelagerten Materials gehört zu den sehr schwach, schwach oder mittelradioaktiven Abfällen, für die in mehreren Ländern oberflächennahe Endlagerlösungen bestehen. „Endgelagert“ bedeutet daher nicht, dass Europa die Herausforderung der hochradioaktiven Abfälle und abgebrannten Brennelemente bereits bewältigt hätte.

Die eigentliche Lücke besteht zwischen dem gewaltigen radioaktiven Erbe, das bereits entstanden ist, und dem Fehlen eines betriebsbereiten Endlagers für die gefährlichsten und langlebigsten Materialien.

Von der Zwischenlagerung zur geologischen Tiefenlagerung

Weltweit ist bislang noch kein geologisches Tiefenendlager für abgebrannte Brennelemente oder hochradioaktive Abfälle regulär in Betrieb.

Nach ihrer Entnahme aus einem Reaktor werden abgebrannte Brennelemente in der Regel zunächst in wassergefüllten Becken gelagert. Das Wasser führt die Restwärme ab und dient zugleich als Strahlungsabschirmung. Sobald die Brennelemente nach mehreren Jahren ausreichend abgekühlt sind, können sie in Behälter zur Trockenlagerung umgelagert werden, die über Jahrzehnte hinweg einen sicheren Einschluss gewährleisten sollen.

Diese Systeme können wirksamen Schutz bieten, sind aber keine passiven Lösungen für Zeiträume von Hunderttausenden von Jahren. Sie erfordern eine fortdauernde institutionelle Kontrolle, physische Sicherung, Überwachung und schließlich den Austausch der Behälter oder die Umlagerung des Materials.

Einige Länder bereiten abgebrannte Brennelemente wieder auf, um Uran und Plutonium für eine mögliche erneute Nutzung zurückzugewinnen. Frankreich ist weiterhin das wichtigste europäische Land mit kommerziellen Wiederaufbereitungsanlagen. Auch Russland und China verfügen über bedeutende Kapazitäten im nuklearen Brennstoffkreislauf.

Die Wiederaufbereitung ist jedoch technologisch komplex und teuer. Sie lässt die Abfälle nicht verschwinden. Hochradioaktive Rückstände bleiben bestehen und müssen letztlich dauerhaft von Menschen und Umwelt isoliert werden.

Nach jahrzehntelanger Forschung hat sich ein breiter wissenschaftlicher und regulatorischer Konsens herausgebildet: Die geologische Tiefenlagerung gilt als die tragfähigste langfristige Lösung für abgebrannte Brennelemente und hochradioaktive Abfälle.

In einem solchen Endlager wird das Material Hunderte Meter tief unter der Erde eingebracht und von mehreren sich gegenseitig ergänzenden Barrieren umschlossen. Dazu können widerstandsfähige Behälter, quellfähiger Ton und stabiles Wirtsgestein gehören. Der entscheidende Gedanke besteht darin, dass die Sicherheit nicht für alle Zukunft von künftigen Regierungen, funktionierenden Stromversorgungssystemen oder kontinuierlichen menschlichen Eingriffen abhängig sein soll.

Onkalo: Der lange Weg zum ersten Tiefenendlager

Das Onkalo-Tiefenendlager am finnischen Standort Olkiluoto ist das weltweit am weitesten fortgeschrittene Projekt seiner Art. Die Bauarbeiten sind weitgehend abgeschlossen, und Posiva hat einen Probebetrieb mit nicht radioaktivem Testmaterial durchgeführt. Die Betriebsgenehmigung wird jedoch weiterhin von den Aufsichtsbehörden geprüft. Posiva strebt die Betriebsbereitschaft bis Ende 2026 an, doch der genaue Beginn der Endlagerung ist noch nicht bestätigt.

Als das Projekt 2015 seine Baugenehmigung erhielt, brachte Janne Mokka, damaliger Präsident und CEO von Posiva, seine internationale Bedeutung auf den Punkt: „Dieses wegweisende Projekt ist nicht nur für Finnland, sondern auch weltweit von Bedeutung.“

Schweden folgt dicht dahinter. Der Bau des Endlagers in Forsmark begann im Januar 2025, die Aufnahme der Endlagerung wird für die 2030er-Jahre erwartet. Auch Frankreich und die Schweiz treiben große Endlagerprojekte voran, während sich Deutschland noch in einer früheren Phase der Standortauswahl befindet.

Eine neue Ära mag tatsächlich anbrechen – allerdings wesentlich langsamer, als die Kernenergiebranche einst erwartet hatte. Die geologische Tiefenlagerung ist nicht länger nur eine theoretische Lösung. Zugleich wird noch nirgendwo auf der Welt hochradioaktiver Abfall regulär in einem solchen Tiefenendlager eingelagert.

Die verlorene Dimension internationaler Zusammenarbeit

Die Entsorgung radioaktiver Abfälle scheint ein naheliegendes Feld für internationale Zusammenarbeit zu sein. Die Länder stehen vor denselben grundlegenden Fragen zur Geologie, zur Konditionierung abgebrannter Brennelemente, zu Behältermaterialien, zum Strahlenschutz und zur Bewahrung von Wissen über Zeiträume, die länger sind als die gesamte schriftlich dokumentierte Menschheitsgeschichte.

Radioaktive Abfälle richten sich nicht nach politischen Blöcken, und die Gesetze der Geologie und Chemie gelten überall. Dennoch werden Entscheidungen über Endlager weiterhin überwiegend auf nationaler Ebene getroffen, während das für ihre Entwicklung erforderliche Fachwissen über Ländergrenzen hinweg verteilt ist.

Internationale Organisationen wie die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und die Nuclear Energy Agency (NEA) der OECD schaffen Rahmenbedingungen für den Austausch von Forschungsergebnissen und regulatorischer Erfahrung. Das gegenwärtige geopolitische Umfeld hat den Spielraum für eine vertiefte Zusammenarbeit jedoch eingeschränkt – insbesondere zwischen Europa und Russland.

Russland verfügt über eines der umfassendsten nuklearen Brennstoffkreislaufsysteme der Welt, darunter bedeutende Wiederaufbereitungskapazitäten und langjährige Forschungsprogramme zur geologischen Endlagerung. Das Rosatom-Projekt „Proryv“ („Durchbruch“) ist ein bedeutendes wissenschaftliches und industrielles Vorhaben zur Entwicklung eines geschlossenen nuklearen Brennstoffkreislaufs.

In einem anderen geopolitischen Umfeld – geprägt von Vertrauen, wirksamen internationalen Sicherungsmaßnahmen und überprüfbaren regulatorischen Standards – könnte dieses Fachwissen zu einem umfassenderen Wissensaustausch beitragen, insbesondere in Bereichen wie der Konditionierung abgebrannter Brennelemente, der Reaktortechnologie und der geologischen Bewertung.

Heute haben jedoch Russlands Krieg gegen die Ukraine, die Risiken strategischer Abhängigkeiten und tiefgreifende Zweifel an der Verlässlichkeit staatlicher Institutionen den Spielraum für eine solche Zusammenarbeit stark eingeschränkt. Dies ist nicht nur ein diplomatischer Verlust. Es verursacht auch langfristige wissenschaftliche und technologische Kosten.

Gleichzeitig lässt sich eine Zusammenarbeit nicht allein mit technischer Expertise rechtfertigen. Die Entsorgung radioaktiver Abfälle erfordert nicht nur Vertrauen in wissenschaftliche Daten, sondern auch in die Institutionen, die diese Daten erheben, in die Aufsichtsbehörden, die sie überprüfen, und in die Regierungen, von denen erwartet wird, dass sie ihre Verpflichtungen über Jahrzehnte hinweg einhalten.

Diesem Widerspruch lässt sich kaum entkommen. Das Risiko ist universell, das notwendige Vertrauen jedoch politisch.

Europa hat ein gewaltiges radioaktives Erbe hervorgebracht, verfügt aber weiterhin über kein betriebsbereites Endlager für abgebrannte Brennelemente oder hochradioaktive Abfälle. Die Lücke zwischen beidem ist mit institutionellen Versprechen, Zwischenlagerbehältern und der wenig glamourösen Arbeit des Vertrauensaufbaus gefüllt.

Europas nukleare Altlasten. Grafik: Energy Europe Editorial Team

Europas nukleare Altlasten. Grafik: Energy Europe Editorial Team

Verantwortung über die nächste Wahl hinaus

Europa entscheidet nicht mehr darüber, ob es sich mit Atommüll befassen muss. Es entscheidet darüber, wie viel Unsicherheit, Kosten und politisches Risiko es bereit ist, in die Zukunft zu tragen.

Das Fehlen betriebsbereiter Endlager ist nicht lediglich eine technische Lücke und lässt sich auch nicht ausschließlich als Versagen politischer Steuerung beschreiben. Es spiegelt zugleich die außergewöhnlichen wissenschaftlichen, regulatorischen und gesellschaftlichen Anforderungen wider, die mit Entscheidungen verbunden sind, deren Folgen sich über Hunderttausende von Jahren erstrecken.

Doch diese Unterscheidung bietet nur begrenzten Trost. Jedes weitere Jahr der Verzögerung verlängert die Abhängigkeit von Zwischenlagersystemen, die nie für eine unbegrenzte Nutzung vorgesehen waren. Zugleich verlagert es die Verantwortung von der Generation, die von der Kernenergie profitiert hat, auf Generationen, die an der Entscheidung für sie nicht beteiligt waren.

Atommüll ist deshalb nicht nur das bittere Erbe vergangener energiepolitischer Entscheidungen. Er ist ein fortwährender Stresstest für Europas Fähigkeit, langfristige Verantwortung mit politischen Systemen in Einklang zu bringen, die auf kurze Wahlzyklen ausgerichtet sind.

Das Ergebnis wird nicht nur die Glaubwürdigkeit der Kernenergie prägen. Es wird auch zeigen, ob europäische Institutionen in der Lage sind, über den Horizont der nächsten Wahl hinaus zu handeln. Und Versprechen gegenüber Generationen einzuhalten, die die heutigen Entscheidungsträger noch nicht zur Rechenschaft ziehen können.