ERNEUERBARE VERÄNDERN DEUTSCHLANDS STROMSYSTEM

Deutschlands Boom bei den erneuerbaren Energien in der ersten Hälfte des Jahres 2026 ist längst nicht mehr nur ein Klimathema. Er verändert zunehmend die Wirtschaftlichkeit, die Versorgungssicherheit und die Betriebslogik des deutschen Stromsystems. Nach vorläufigen Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) deckten erneuerbare Energien zwischen Januar und Juni 58 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs ab. Dies war ein neuer Rekord für das erste Halbjahr. Anlagen für erneuerbare Energien erzeugten 152,2 Milliarden kWh Strom, gegenüber 144,1 Milliarden kWh im gleichen Zeitraum des Jahres 2025.

 

Das Fraunhofer ISE meldete unter Verwendung einer anderen Methodik ein ähnlich starkes Ergebnis. Erneuerbare Energien deckten 58,5 Prozent der deutschen Stromlast und 61,8 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Gleichzeitig gingen die deutschen Nettostromimporte deutlich auf 1,3 TWh zurück, verglichen mit 9,6 TWh im ersten Halbjahr 2025.

Die Zahlen deuten darauf hin, dass das Wachstum der erneuerbaren Energien nicht mehr nur das Emissionsprofil Deutschlands beeinflusst. Es wirkt sich auch darauf aus, wie stark das Land den Preisen für fossile Brennstoffe ausgesetzt ist, sowie auf den Stromhandel und die Art und Weise, wie das Stromsystem betrieben werden muss.

Wie ZSW-Vorstandsmitglied Frithjof Staiß feststellte, verringert ein höherer Anteil erneuerbarer Energien die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen und macht die Wirtschaft widerstandsfähiger gegenüber Energiepreisschocks. Im Stromsektor wird dieser Effekt zunehmend sichtbar. Er hängt jedoch vom parallelen Ausbau der Netze, der Speicherkapazitäten und der flexiblen Nachfrage ab.

Wind und Sonne treiben den Anstieg voran

Wind- und Solarenergie waren die Haupttreiber des Anstiegs.

Nach Angaben von BDEW und ZSW stieg die Onshore-Windenergieerzeugung im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 um 7 Prozent, während die Offshore-Windenergieerzeugung um 28,3 Prozent zunahm. Die Photovoltaik-Erzeugung lag um 3,7 Prozent höher. Die Wasserkraft ging hingegen aufgrund geringerer Niederschläge zurück.

Das Fraunhofer ISE verzeichnete einen Anstieg der Offshore-Windenergieerzeugung von 11,4 TWh auf 14,6 TWh und der Onshore-Windenergieerzeugung von 48,7 TWh auf 52,8 TWh. Die Solarstromerzeugung erreichte einen Rekordwert von 43,2 TWh, rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Unterschied zwischen den Zahlen von BDEW/ZSW und denen des Fraunhofer ISE ist methodischer Natur und nicht widersprüchlich. BDEW und ZSW berechnen den Anteil erneuerbarer Energien auf der Grundlage des Bruttostromverbrauchs, während sich das Fraunhofer ISE auf die Stromlast und die öffentliche Nettostromerzeugung konzentriert. Die Zahlen beschreiben daher unterschiedliche Teile desselben, zunehmend von erneuerbaren Energien geprägten Stromsystems.

Auch die Solarkapazität wuchs weiterhin rasant. Das Fraunhofer ISE verzeichnete im ersten Halbjahr 2,1 GWp an neuen Dachanlagen mit einer Leistung von bis zu 30 kWp, weitere 1,1 GWp im Segment von 30 bis 100 kWp sowie 3,5 GWp an Freiflächen-Solarkapazität.

Der BDEW bezifferte den gesamten Bruttozuwachs an Photovoltaikleistung in Deutschland in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 auf 8,3 GW, verglichen mit 7,8 GW im Vorjahr. Der Zuwachs bei der Onshore-Windenergie erreichte 2,5 GW, während der Zuwachs bei der Offshore-Windenergie 0,9 GW betrug.

Die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung Kerstin Andreae erklärte, dass zur Aufrechterhaltung dieser Dynamik schnellere politische Entscheidungen und verlässliche Investitionsbedingungen erforderlich seien. „Investitionen fließen nur dort, wo verlässliche Regeln gelten“, sagte sie.

Erneuerbare Energien beeinflussen die Strompreise

Die Ergebnisse des ersten Halbjahres zeigen, dass erneuerbare Energien zunehmend Einfluss auf die Strompreise, die Energieimporte und den Betrieb des Stromsystems nehmen.

Das Fraunhofer ISE stellte fest, dass die starke Erzeugung aus erneuerbaren Energien dazu beitrug, zu verhindern, dass sich der starke Anstieg der Gaspreise im Frühjahr 2026 vollständig auf die Großhandelsstrompreise auswirkte. Nach dem Ausbruch des Krieges im Iran stiegen die Gaspreise stark an, doch die Strompreise stiegen nicht in gleichem Maße. Die starke Erzeugung aus erneuerbaren Energien verringerte den Einfluss teurer Gaskraftwerke auf die Großhandelsstrompreise.

Laut Leonhard Gandhi, Projektleiter der Plattform „Energy-Charts“ des Fraunhofer ISE, wäre der Strombörsenpreis im April ohne den starken Beitrag der erneuerbaren Energien um 76 Prozent höher ausgefallen. Die Schätzung verdeutlicht den wachsenden Einfluss von Wind- und Solarenergie auf die Großhandelspreisbildung.

Gleichzeitig zeigen die Zahlen die nächste Herausforderung für die deutsche Energiewende auf.

Hohe Erzeugungsmengen aus Wind- und Solarenergie führen zu vermehrten Phasen mit Strompreisen nahe Null oder unter Null. Erzeugungsspitzen und Lastkurven verdeutlichen zunehmend den Bedarf an Intraday-Speichern und einem flexibleren Stromverbrauch.

Deutschlands Batteriespeicherkapazität stieg im ersten Halbjahr 2026 von 25,4 GWh auf 29,3 GWh. In diesen sechs Monaten wurden mehr großtechnische Batteriespeicher in Betrieb genommen als im gesamten Vorjahr. Dennoch besteht laut Fraunhofer ISE weiterhin eine erhebliche Speicherlücke.

Zusätzliche Speicherkapazitäten könnten überschüssigen Strom in Zeiten hoher Solar- und Windenergieproduktion aufnehmen und bei sinkender Erzeugung wieder abgeben. Dies würde dazu beitragen, Strom aus erneuerbaren Energien von Zeiten des Überangebots in Stunden mit geringerer Erzeugung zu verlagern und extreme Unterschiede bei den Großhandelspreisen zu verringern.

Der wirtschaftliche Wert erneuerbarer Energien wird daher zunehmend vom Zeitpunkt und vom Standort abhängen. Günstiger Strom ist am wertvollsten, wenn er dort geliefert werden kann, wo Industrie und Haushalte ihn benötigen. Oder wenn er durch Speicherung und flexible Nachfrage auf die Stunden verlagert wird, in denen die Erzeugung aus erneuerbaren Energien geringer ist.

Germany’s Energy Transition in H1 2026. Graphic by the Energy Europe Editorial Team.

Germany’s Energy Transition in H1 2026. Graphic by the Energy Europe Editorial Team.

Die Energiewende geht über den Stromsektor hinaus

Die Herausforderung beschränkt sich nicht auf den Stromsektor.

Das Umweltbundesamt (UBA) berichtete im Juli, dass der Einsatz erneuerbarer Energien in den Bereichen Wärme und Verkehr im ersten Halbjahr 2026 ebenfalls zugenommen habe. Gleichzeitig warnte die Behörde davor, dass die Fortschritte bei der Stromerzeugung die langsamere Transformation anderer Sektoren nicht überschatten dürften.

UBA-Präsident Dirk Messner bezeichnete die Zahlen als ermutigend, forderte jedoch eine schnellere Verbreitung von Elektroautos und Wärmepumpen. Er betonte zudem, dass das Stromsystem mehr groß angelegte Batteriespeicher benötige, um ausreichend flexibel zu werden.

Diese umfassendere Perspektive ist wichtig. Die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie wächst rasant, doch die Dekarbonisierung der Bereiche Heizung und Verkehr erfordert auch Veränderungen bei Fahrzeugen, Gebäuden, der Infrastruktur, dem Verbraucherverhalten und industriellen Prozessen.

Eine erfolgreiche Energiewende hängt daher von einer stärkeren Vernetzung der Sektoren ab. Überschüssiger Strom aus erneuerbaren Energien kann Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und industrielle Prozesse antreiben – allerdings nur, wenn die notwendigen Netze, Marktanreize und Flexibilitätsmechanismen vorhanden sind.

Die nächste Herausforderung ist die Systemintegration

Die Zahlen deuten darauf hin, dass sich die Energiedebatte in Deutschland allmählich von einer zentralen Frage – wie schnell Kapazitäten für erneuerbare Energien ausgebaut werden können – hin zu einer anderen verlagert: Wie effizient kann ein von variabler erneuerbarer Erzeugung dominiertes Stromsystem den erzeugten Strom nutzen?

Solarenergie dürfte eine wichtige Quelle für neue Kapazitäten bleiben, während Batteriespeicher, Netzausbau und flexibler Verbrauch zunehmend zu wichtigen Maßstäben für den Fortschritt werden. Das erste Halbjahr 2026 hat bereits gezeigt, warum: Deutschland verzeichnete hohe Erzeugungsmengen aus erneuerbaren Energien, deutlich geringere Netto-Stromimporte, mehr Phasen mit sehr niedrigen oder negativen Strompreisen und gleichzeitig ein rasantes Wachstum der Speicherkapazitäten.

Für die Industrie ergeben sich daraus sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Ein größeres Angebot an Strom aus erneuerbaren Energien kann die Anfälligkeit gegenüber Preisschocks bei fossilen Brennstoffen verringern und die Energiesicherheit verbessern. Allerdings muss der Strom auch in der richtigen Menge, am richtigen Ort und zur richtigen Zeit verfügbar sein.

Dadurch wird Flexibilität zu einem zunehmend wichtigen industriellen und politischen Thema. Unternehmen, die in der Lage sind, ihren Bedarf zu verschieben, vor Ort Speicherkapazitäten zu nutzen oder ihre Produktion an Zeiten mit reichlich erneuerbarem Strom anzupassen, könnten sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Unternehmen mit unflexiblem Verbrauch und überlasteten Netzanschlüssen könnten trotz niedrigerer durchschnittlicher

Großhandelspreise höhere Kosten zu tragen haben.

Mit Blick auf das Jahr 2027 wird die entscheidende Frage daher nicht einfach lauten, wie viel Strom aus erneuerbaren Energien Deutschland erzeugen kann. Es wird vielmehr darum gehen, wie effektiv dieser Strom in ein stabiles, flexibles und wirtschaftlich wettbewerbsfähiges Stromsystem integriert werden kann.

Das zentrale Thema der nächsten Phase der deutschen Energiewende ist nicht mehr nur der Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung. Es ist die Gestaltung des Systems, das es ermöglicht, dass erneuerbarer Strom seinen vollen Wert entfalten kann.