ARKTIS: EUROPAS NEUE ENERGIERESERVE?

Die Arktis wird zum Prüfstein für Europas Energiepolitik. Unter dem schmelzenden Eis liegen große Öl- und Gasvorkommen, zugleich bietet die Region kritische Rohstoffe und erneuerbare Energien für die Transformation. Beim Arktisgipfel in Rovaniemi wurde klar: Europa will im hohen Norden nicht nur seine Sicherheit stärken, sondern neue Energie- und Rohstoffpartnerschaften aufbauen – vor allem mit Grönland.

 

Die Arktis rückt auf Europas energiepolitischer Agenda nach oben. Nicht, weil sie kurzfristig die seit 2022 stark zurückgegangenen russischen Pipelinegaslieferungen ersetzen könnte – dafür sind Erschließung, Infrastruktur und Umweltauflagen zu komplex. Sondern weil die Region langfristig darüber mitentscheiden könnte, wie sicher Europa Zugang zu Energie, kritischen Rohstoffen und den industriellen Wertschöpfungsketten der Energiewende behält.

Beim Europäischen Arktisgipfel in Rovaniemi am 13. und 14. September 2026 wurde diese Verbindung ungewöhnlich deutlich ausgesprochen. „Die Bedeutung der Region geht über die militärische Sicherheit hinaus: Es geht um wirtschaftliche Sicherheit, kritische Mineralien, Energie, Infrastruktur und Logistik, Handelsrouten, Versorgungssicherheit, Klimawandel und nachhaltige Entwicklung“, sagte Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo.

Damit stellt sich eine energiepolitische Frage: Kann Europa im hohen Norden jene Ressourcen, Netze und industriellen Partnerschaften aufbauen, die es benötigt, um seine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu stärken – ohne die Arktis in eine neue fossile Rohstoffprovinz zu verwandeln?

Die Antwort wird mit darüber entscheiden, wie resilient die europäische Energiewende wird. Denn Windräder, Stromnetze, Elektrolyseure, Batterien und Rechenzentren benötigen nicht nur Energie. Sie hängen auch von kritischen Rohstoffen und einer stabilen, zunehmend elektrifizierten Infrastruktur ab.

Wie groß der Handlungsdruck inzwischen ist, machte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 16. September deutlich. Bei vielen kritischen Rohstoffen sei Europa zu mehr als 80 Prozent von China abhängig, bei einigen Seltenen Erden sogar zu 90 Prozent. „Davon hängt nicht nur unsere Industrie ab, sondern auch unsere Unabhängigkeit und Sicherheit“, sagte von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union.

Die Arktis ist deshalb für Europa nicht allein ein Energieraum im klassischen Sinn. Sie könnte auch einen Teil der materiellen Grundlage für das europäische Energiesystem der Zukunft liefern.

Die Arktis: riesige Ressourcen, schwierige Bedingungen

Dabei ist die Arktis kein einheitlicher Wirtschaftsraum. Zum Arktischen Rat gehören acht Staaten: Kanada, das Königreich Dänemark mit Grönland und den Färöern, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und die USA. In den arktischen Regionen leben mehr als vier Millionen Menschen, etwa 500.000 von ihnen gehören indigenen Völkern an.

Diese geringe Bevölkerungsdichte ist für die Energiepolitik von erheblicher Bedeutung. Neue Bergwerke, Kraftwerke oder Industrieanlagen können nicht auf dieselbe Infrastruktur zurückgreifen wie Projekte in Mitteleuropa. Straßen, Häfen, Stromversorgung und Kommunikationsnetze müssen teilweise erst geschaffen oder erheblich ausgebaut werden. Das treibt die Kosten in die Höhe und erklärt, warum selbst große Rohstoffvorkommen nicht automatisch wirtschaftlich erschließbar sind.

Gleichzeitig verändert der Klimawandel die Bedingungen. Eine 2022 veröffentlichte Studie in „Communications Earth & Environment“ kam zu dem Ergebnis, dass sich die Arktis im Zeitraum 1979 bis 2021 im Durchschnitt nahezu viermal schneller erwärmt hat als der globale Mittelwert.

Diese sogenannte arktische Verstärkung macht die wirtschaftliche Erschließung nicht einfach leichter. Weniger Meereis kann einzelne Schifffahrtsfenster erweitern, doch tauender Permafrost, Küstenerosion, Extremwetter und fehlende Infrastruktur machen Bau, Betrieb und Wartung vieler Anlagen zugleich schwieriger und teurer.

Der Klimawandel macht die Arktis damit paradoxerweise in mancher Hinsicht zugänglicher und gleichzeitig schwieriger zu erschließen. Neue wirtschaftliche Möglichkeiten entstehen in einer Region, in der sich die natürlichen Voraussetzungen für langfristige Investitionen besonders schnell verändern.

Öl und Gas im Spannungsfeld der Energiewende

Die fossilen Ressourcen verschwinden dabei nicht aus der Gleichung. Nach einer grundlegenden Schätzung des U.S. Geological Survey könnte die Arktis rund 13 Prozent der weltweit noch unentdeckten, technisch förderbaren Ölressourcen und etwa 30 Prozent der entsprechenden Erdgasressourcen beherbergen. Rund 84 Prozent der damals geschätzten Ressourcen liegen offshore.

Die Untersuchung stammt allerdings aus dem Jahr 2008 und beschreibt geologisches Potenzial, keine nachgewiesenen wirtschaftlich erschließbaren Reserven. Ob ein Vorkommen tatsächlich gefördert werden kann, hängt von Kosten, Infrastruktur, Energiepreisen, politischen Entscheidungen und Umweltauflagen ab.

Gerade darin liegt der energiepolitische Widerspruch. Europa will seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen reduzieren und musste zugleich nach dem starken Rückgang russischer Pipelinegaslieferungen neue Energiequellen und Lieferwege erschließen. Die Arktis erscheint deshalb zunächst als naheliegende Option: große fossile Ressourcen, mögliche neue Transportkorridore und zugleich Zugang zu Rohstoffen für die Energiewende.

Doch eine europäische Arktisstrategie, die vor allem auf zusätzliche Öl- und Gasförderung setzt, wäre schwer mit den langfristigen Klimazielen der EU vereinbar. Hinzu kommt das wirtschaftliche Risiko milliardenschwerer Anlagen, die über Jahrzehnte auf eine entsprechend hohe fossile Nachfrage angewiesen wären.

Die strategische Bedeutung der Arktis für Europa liegt deshalb zunehmend in einer anderen Kombination: erneuerbare Energie, kritische Rohstoffe, Netze, Verkehrswege, digitale Infrastruktur und industrielle Verarbeitung.

Erdgas kann dabei weiterhin eine Rolle spielen, insbesondere für die Absicherung von Stromsystemen und bestimmte Industrieprozesse. Doch nicht jede geologisch verfügbare Lagerstätte ist automatisch strategisch sinnvoll. Entscheidend sind Erschließungskosten, Versorgungseffekt und die Frage, ob sich ein Projekt mit Europas langfristigem Dekarbonisierungspfad vereinbaren lässt.

Arctic energy and Europe’s strategy. Graphic: Energy Europe Editorial Team.

Arctic energy and Europe’s strategy. Graphic: Energy Europe Editorial Team.

Grönland wird zum Energie- und Rohstoffpartner

Besonders sichtbar wird dieser neue Ansatz in Grönland. Am 7. September kündigte die Europäische Kommission ein Global-Gateway-Partnerschaftspaket über 200 Millionen Euro an, das 2026 und 2027 in Grönland und gemeinsam mit Grönland investiert werden soll.

„Grönland kann auf die EU zählen“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei ihrem Besuch in Nuuk. Das Paket werde „neue Möglichkeiten und eine starke und engagierte EU sowohl in Grönland als auch in der Arktis“ schaffen. Grönland sei „ein strategischer Verbündeter und ein verlässlicher Freund“.

Die Schwerpunkte des Pakets zeigen, worum es Europa inzwischen im hohen Norden geht: Konnektivität, nachhaltige Energie und kritische Rohstoffe. Hinzu kommen Investitionen unter anderem in Bildung, Fischerei, Tourismus, Wohnraum und kleinere Unternehmen.

Gerade bei den Rohstoffen sind die Dimensionen bemerkenswert. Nach Angaben der Europäischen Kommission verfügt Grönland über Vorkommen von 25 der 34 Rohstoffe, welche die EU für die grüne und digitale Transformation als kritisch eingestuft hat. Dazu gehören Rohstoffe, die für Batterien, Stromnetze, Elektromotoren und zahlreiche industrielle Anwendungen benötigt werden.

Diese Ressourcen treffen auf eine europäische Rohstoffstrategie mit konkreten Zielen. Der Critical Raw Materials Act legt unverbindliche Richtwerte für die Kapazitäten der EU bis 2030 fest: Die Förderung soll mindestens 10 Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs strategischer Rohstoffe decken, die Verarbeitung mindestens 40 Prozent und das Recycling mindestens 25 Prozent. Zugleich soll bei keinem strategischen Rohstoff auf einer relevanten Verarbeitungsstufe mehr als 65 Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs aus einem einzigen Drittstaat stammen.

Grönland gehört zwar nicht zur EU, kann aber gerade für diese Diversifizierung eine wichtige Rolle spielen. Ein anschauliches Beispiel ist Molybdän, das unter anderem für hochfeste und temperaturbeständige Stahllegierungen benötigt wird. Das Malmbjerg-Projekt in Ostgrönland gilt als eines der Vorhaben, die langfristig zur Diversifizierung der europäischen Molybdänversorgung beitragen könnten.

Das Paket ist damit mehr als klassische Rohstoffpolitik. Satellitenkommunikation und Unterseekabel sollen die digitale Anbindung verbessern, erneuerbare Energien die lokale Versorgung stärken und Investitionen in kritische Rohstoffe neue Wertschöpfung ermöglichen.

Gerade im Energiesektor wird die Verbindung deutlich. Die EU will gemeinsam mit dem grönländischen Energieversorger Nukissiorfiit die Energieversorgung abgelegener Siedlungen modernisieren und stärker auf erneuerbare Quellen umstellen. Gleichzeitig prüfen die EU und Grönland Möglichkeiten zur Unterstützung des Ausbaus des Wasserkraftwerks Buksefjord, um den wachsenden Strombedarf in Nuuk zu decken.

Das ist energiepolitisch relevanter, als es zunächst erscheint. Verlässlicher und möglichst CO₂-armer Strom ist eine Voraussetzung für digitale Infrastruktur, lokale Rohstoffverarbeitung und andere energieintensive Industrieprojekte. Grönlands erneuerbare Ressourcen könnten damit weniger für einen direkten Stromexport nach Europa interessant werden als für industrielle Wertschöpfung vor Ort.

Die EU versucht so, ein anderes Modell der Rohstoffpartnerschaft aufzubauen. Nicht nur Förderung und Export sollen im Mittelpunkt stehen. Energieversorgung, Infrastruktur, Qualifikation, Investitionen und Verarbeitung sollen stärker zusammengedacht werden.

Das Graphitprojekt Amitsoq verdeutlicht, wie künftig stärker integrierte Wertschöpfungsketten zwischen Grönland und Europa entstehen könnten. Für Europa ist diese Verbindung entscheidend: Der strategische Wert eines Rohstoffvorkommens steigt erheblich, wenn Förderung, Energieversorgung, Verarbeitung und Abnahme langfristig miteinander verbunden werden können.

Ohne Infrastruktur keine arktische Energiereserve

Die größten Engpässe der Arktis liegen allerdings oft nicht unter der Erde, sondern darüber. Wer Rohstoffe fördern, Energie erzeugen oder industrielle Kapazitäten aufbauen will, braucht Strom, Häfen, Straßen, Schiffe, Datenverbindungen und verlässliche Logistik.

Im hohen Norden sind all diese Voraussetzungen teuer und technisch anspruchsvoll. Große Entfernungen, geringe Bevölkerungsdichte und extreme klimatische Bedingungen erhöhen die Kosten vieler Projekte erheblich.

Deshalb spielte Infrastruktur auch beim Gipfel von Rovaniemi eine zentrale Rolle. Orpo forderte konkrete europäische Projekte im Norden, unter anderem in den Bereichen kritische Infrastruktur, grenzüberschreitende Verkehrsverbindungen, Gewinnung und Verarbeitung kritischer Mineralien sowie Kapazitäten für Satellitenstarts.

Auch Eisbrecher gehören in diese Rechnung. „Eisbrecherkapazitäten sind ebenfalls eine strategische Ressource“, erklärte Orpo in Rovaniemi. Europa solle die Möglichkeit gemeinsamen Eigentums an Eisbrechern prüfen.

Für eine europäische Energie- und Rohstoffstrategie ist das folgerichtig. Ohne Häfen, Schiffe, Stromversorgung und Transportwege bleibt selbst ein großes Rohstoffvorkommen wirtschaftlich nur begrenzt nutzbar.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, einzelne Lagerstätten zu identifizieren. Europa müsste ganze Wertschöpfungsketten entwickeln – von Energie und Transport über Förderung und Verarbeitung bis zum industriellen Abnehmer.

Europas Energiepolitik im hohen Norden

Erschwert wird dies durch die politische Lage. Die Zusammenarbeit mit Russland im Arktischen Rat ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine erheblich eingeschränkt.

Die fachliche Zusammenarbeit wurde in einzelnen Bereichen und auf Projektebene schrittweise wieder aufgenommen. Im Februar 2024 verständigten sich die acht Arktisstaaten darauf, offizielle Treffen der Arbeitsgruppen schrittweise in virtueller Form wieder aufzunehmen. Wissenschaftliche Zusammenarbeit sowie Projekte und Initiativen des Rates konnten dadurch wieder vorangebracht werden. Die politische Kooperation auf hoher Ebene bleibt jedoch stark eingeschränkt.

Für Europa erhöht das die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Grönland, Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, Island und Kanada. Energie, Rohstoffe, Forschung, Infrastruktur und Umweltstandards lassen sich in der Arktis kaum isoliert voneinander entwickeln.

Dabei darf eine europäische Strategie die Menschen in der Region nicht auf einen Standortfaktor reduzieren. Rund 500.000 der mehr als vier Millionen Einwohner der Arktis gehören indigenen Völkern an. Rohstoff-, Energie- und Infrastrukturprojekte greifen unmittelbar in lokale Lebensräume und Wirtschaftsformen ein. Ihre Akzeptanz hängt deshalb auch davon ab, wie stark lokale Gemeinschaften an Entscheidungen und wirtschaftlichen Erträgen beteiligt werden.

Gerade bei Öl und Gas zeigt sich, warum ein breiterer Ansatz notwendig ist. Fossile Ressourcen machen die Region energiepolitisch attraktiv, aber sie sollten nicht zum alleinigen Maßstab europäischer Arktispolitik werden. Neue Abhängigkeiten von einem extrem empfindlichen und kostspieligen Fördergebiet würden viele der Probleme wiederholen, die Europa gerade zu überwinden versucht.

Europas wichtigste Energiereserve im hohen Norden könnte am Ende nicht das Öl oder Gas unter dem Meeresboden sein. Strategisch wertvoller wären eine verlässliche erneuerbare Stromversorgung, stabile Netze und Verkehrswege sowie Lieferketten für jene Rohstoffe, ohne die die europäische Energiewende nicht funktioniert.

Die Arktis wird damit zum Testfall europäischer Energie- und Industriepolitik. Gelingt es, Wasserkraft, digitale Anbindung, kritische Rohstoffe, Verarbeitung und lokale Wertschöpfung miteinander zu verbinden, kann der hohe Norden zur resilienteren Energieversorgung Europas beitragen. Gelingt das nicht, bleibt die Region vor allem ein Raum enormen Ressourcenpotenzials – aber auch hoher Kosten, ökologischer Risiken und politischer Spannungen.