EUROPAS ENERGIE AUS DER TIEFE: GEOTHERMIE GEWINNT AN BEDEUTUNG

Geothermie gilt in Europa als eine der wenigen erneuerbaren Energiequellen, die unabhängig vom Wetter Wärme liefern kann und damit helfen soll, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Noch ist der Anteil gering, doch vor allem im Wärmesektor wächst der politische Druck zum Ausbau. Deutschland zählt bereits zu den wichtigsten Geothermie-Märkten der EU, steht aber erst am Anfang eines größeren Hochlaufs.

Europas Energiewende verlagert sich unter die Oberfläche

In Europas Energiewende verlagert sich ein wachsender Teil der Aufmerksamkeit unter die Oberfläche. Während Windräder und Solaranlagen sichtbar das Stromsystem verändern, richtet sich der Blick zunehmend in die Tiefe: auf eine Energiequelle, die heimisch ist, lokal erschlossen werden kann und rund um die Uhr verfügbar bleibt – Geothermie. Gerade in einer Zeit, in der Europa seine Abhängigkeit von fossilen Importen verringern will, gewinnt sie damit strategisch an Gewicht.
Besonders groß ist ihr politischer Reiz im Wärmesektor. Denn genau dort verläuft die Dekarbonisierung in vielen EU-Staaten langsamer als im Strombereich. Gebäude, Fernwärmenetze und Teile der Industrie hängen weiterhin stark an Erdgas, Öl oder anderen fossilen Energieträgern. Geothermie gilt deshalb als einer der wenigen erneuerbaren Bausteine, die nicht nur klimafreundlich, sondern auch kontinuierlich verfügbar sind – und damit helfen können, fossile Wärme schrittweise zu ersetzen.
Noch ist ihr Beitrag allerdings klein. Nach Angaben des Joint Research Centre der EU-Kommission liefert Geothermie in der Europäischen Union derzeit nur rund 0,2 Prozent des Stroms und etwa 0,7 Prozent der Wärme. Gleichzeitig wächst vor allem die geothermische Wärmenutzung seit 2010 im Schnitt um rund zehn Prozent pro Jahr. Die Technologie bleibt also eine Nische – aber eine mit klar erkennbarem Aufwärtstrend.

Italien dominiert den Strom, Frankreich die Wärme

Wie unterschiedlich dieser Ausbau verläuft, zeigt der Blick auf die Mitgliedstaaten. Bei der Stromerzeugung dominiert Italien den europäischen Markt seit Jahrzehnten nahezu allein. 2023 entfielen 772 von insgesamt 871 Megawatt installierter geothermischer Stromleistung in der EU auf Italien; die Produktion lag bei 5.692 Gigawattstunden. In den meisten anderen Mitgliedstaaten spielt Geothermiestrom bislang nur eine Nebenrolle.

Anders sieht es bei der Wärme aus. Hier ist das Bild breiter, und hier liegt auch die eigentliche energiepolitische Bedeutung der Geothermie. Frankreich hat sich bei der geothermischen Wärmeerzeugung in der EU an die Spitze gesetzt, gefolgt von Ungarn und Deutschland. Gerade im Großraum Paris ist Geothermie seit Jahren fest in Fernwärmesysteme eingebunden. Deutschland gehört damit zwar zur europäischen Spitzengruppe – ist aber eher ein Markt im Hochlauf als ein bereits voll etablierter Vorreiter.
Dass Geothermie in Europa an Bedeutung gewinnt, hat auch mit ihrer Rolle im künftigen Energiesystem zu tun. Die Internationale Energieagentur betont, dass sie Strom, Wärme und Speicherung rund um die Uhr bereitstellen kann. Weil die Energiequelle kontinuierlich verfügbar ist, können geothermische Anlagen mit hoher Auslastung arbeiten und so ein System ergänzen, das immer stärker von wetterabhängigen Quellen wie Wind und Solar geprägt wird. Was oberirdisch schwankt, kann unterirdisch Stabilität gewinnen.
Dieser strategische Wert spiegelt sich inzwischen auch in den Investitionen. Nach Angaben der IEA flossen 2025 weltweit mehr als 11,5 Milliarden US-Dollar in geothermische Heizprojekte. Das Interesse wächst auch in Europa, weil Städte, Kommunen und Versorger nach Wegen suchen, ihre Wärmeversorgung langfristig klimafreundlicher und unabhängiger von fossilen Brennstoffen aufzustellen.

Geothermal energy in Europe, Graphic by Energy Europe Editorial Team

Geothermal energy in Europe, Graphic by Energy Europe Editorial Team

Deutschland im Geothermie-Startmodus

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant. Die Wärmewende gilt hier seit Jahren als eine der größten Baustellen der Energiewende. Nach Angaben des Umweltbundesamts lag der Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch für Wärme und Kälte 2024 bei 18,1 Prozent. Die Bundesregierung hat Geothermie deshalb ausdrücklich als „zuverlässige und über das gesamte Jahr verfügbare Energiequelle“ beschrieben, deren Potenzial bislang „nur unzureichend erschlossen“ sei. Der politische Wille zum Ausbau ist also da – die entscheidende Frage ist, wie schnell daraus tatsächliche Projekte werden.
An Potenziale jedenfalls mangelt es nicht. Das Deutsche GeoForschungsZentrum und die Branche verweisen seit Jahren darauf, dass tiefe Geothermie, ergänzt um Wärmespeicher und Grubenwasser, einen erheblichen Teil des deutschen Wärmebedarfs decken könnte. „Das Potenzial für Geothermie in Deutschland ist immens“, sagt Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie. Allein natürliche Thermalwasservorkommen könnten perspektivisch rund ein Viertel des Wärme- und Kältebedarfs abdecken.
Noch ist die Realität davon weit entfernt. Anfang 2025 waren in Deutschland 42 Anlagen der tiefen Geothermie in Betrieb. 31 erzeugten ausschließlich Wärme, zwei ausschließlich Strom, neun arbeiteten in Kraft-Wärme-Kopplung. Die installierte Leistung lag bei 408 Megawatt thermisch und 55 Megawatt elektrisch. Im Jahr 2024 wurden rund 214 Gigawattstunden Strom und 1.795 Gigawattstunden Wärme bereitgestellt. Gemessen am gesamten deutschen Energiesystem bleibt das bislang ein kleiner Beitrag – etwa 0,04 Prozent des Bruttostromverbrauchs und rund 0,2 Prozent des Endenergieverbrauchs im Wärmesektor.

Der Ausbau soll beschleunigt werden

Gleichzeitig deutet vieles auf mehr Tempo hin. Nach Branchenangaben sind 16 Anlagen im Bau, 155 weitere geplant. Vor allem Stadtwerke und kommunale Versorger entdecken die Technologie als Baustein für den Umbau ihrer Wärmenetze. Dahinter steht nicht nur Klimapolitik, sondern auch ein industrie- und sicherheitspolitisches Kalkül: Wer Wärme aus dem Untergrund gewinnt, muss weniger Energie importieren.
Genau darin liegt für viele Befürworter ihre größte Stärke. „Erdwärme steht rund um die Uhr ganzjährig verlässlich zur Verfügung und ist völlig klimaneutral“, sagt Markus Bieder von den Stadtwerken Münster. „Geothermie wird direkt vor Ort gewonnen, ist unabhängig von importierten Brennstoffen und macht die Wärme zum echten Heimatprodukt.“ Für Fernwärmesysteme ist das ein starkes Versprechen: verlässliche, lokale Wärme ohne laufende Brennstoffimporte.

Die Weichen für den Ausbau sind gestellt

Doch der Weg dorthin bleibt anspruchsvoll. Hohe Anfangsinvestitionen, lange Genehmigungsverfahren und das Fündigkeitsrisiko bei Bohrungen bremsen viele Projekte. Genau deshalb fordert die Branche seit Jahren schnellere Verfahren, verlässlichere politische Rahmenbedingungen und Instrumente zur Absicherung geologischer Risiken. Auch aus Sicht der Forschung und vieler Unternehmen muss der Sektor den Schritt aus dem Projektmodus in einen industriellen Hochlauf schaffen, wenn Geothermie mehr sein soll als eine viel zitierte Zukunftstechnologie.
So ergibt sich europaweit ein klares Bild: Geothermie ist technologisch erprobt, politisch gewollt und mit hohen Erwartungen verbunden. Doch der Ausbau verläuft bislang langsamer, als es Klimaziele, Wärmewende und Versorgungssicherheit eigentlich nahelegen. Deutschland steht dafür exemplarisch. Unter der Oberfläche liegt ein großes heimisches Energiepotenzial – offen ist vor allem, wie schnell es gelingt, daraus einen tragenden Pfeiler eines fossilärmeren Energiesystems zu machen.