KRITISCHE ROHSTOFFE UND WO SIE ZU FINDEN SIND

Europa hatte sich daran gewöhnt, von Winter zu Winter zu leben. Sobald die Gasspeicher gefüllt waren und der Januar vorüber war, galt das Überleben als gesichert. Als Europa in den Jahren 2023–2024 schließlich das Kapitel „russisches Gas“ abschloss, fühlte sich das wie ein Befreiungsschlag an – als wäre die schlimmste Form der Abhängigkeit überwunden. Doch die Freude währte nur kurz. Denn just in diesem Moment begab sich Europa unbemerkt in eine neue Abhängigkeit – von kritischen Rohstoffen, die für Elektrofahrzeuge, Windparks und Energiespeichersysteme unverzichtbar sind. Die Herausforderung: Diese Ressourcen – Lithium, Nickel, Kobalt, Seltene Erden – liegen in den Händen von Ländern, die in Jahrzehnten denken, nicht in Heizperioden. Wenn das alte Modell, einfach den Lieferanten zu wechseln, nicht mehr funktioniert – wo bleibt dann Europas Langzeitstrategie?

Noch vor zehn Jahren galten Seltene Erden als akademische Randnotiz. Heute sind sie ein zentrales Thema in der Debatte um die grüne Transformation. Eine einzige Windkraftanlage enthält bis zu 600 Kilogramm Seltenerdmetalle. Batterien für Elektrofahrzeuge basieren auf Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit. Die Nachfrage nach diesen Materialien steigt rasanter, als Regierungen reagieren können. Laut Internationaler Energieagentur wird sich der weltweite Lithiumbedarf bis 2030 mindestens verdreifachen, der Bedarf an Nickel und Kobalt etwa verdoppeln.

Europa folgt demselben Pfad. Kritische Mineralien sind längst kein logistisches Thema mehr – sie sind zur strategischen Schwachstelle geworden, wie Experten des Brüsseler Thinktanks Bruegel betonen. Ein Gasengpass lässt sich bis zum Frühjahr überbrücken. Eine Unterbrechung der Lithium- oder Graphitversorgung aber könnte die gesamte Energiewende ausbremsen.

China hat langfristig geplant

Diese neue Abhängigkeit entstand nicht plötzlich. China hat den Markt nicht erobert – es hat ihn aufgebaut. Bereits Anfang der 2000er-Jahre investierte das Land nicht in den Abbau, sondern in die Verarbeitung – ein Bereich, den westliche Unternehmen wegen Umweltauflagen und niedriger Margen weitgehend aufgaben. Heute kontrolliert China rund 60–70 % der weltweiten Seltenerdproduktion und bis zu 90 % der Verarbeitungskapazitäten.

Diese Marktmacht wird zunehmend geopolitisch eingesetzt. Im Oktober 2025 verlängerte Peking die Exportbeschränkungen für Graphit und Seltene Erden mit Verweis auf die „nationale Sicherheit“. Für die EU war das ein Weckruf – schließlich stammt der Großteil des für Batterien benötigten Graphits aus China.

Schon 2022 hatte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton gewarnt: „Lithium und Seltene Erden werden bald wichtiger sein als Öl und Gas. Unser Bedarf an Seltenen Erden allein wird sich bis 2030 verfünffachen. […] Wir müssen verhindern, in eine neue Abhängigkeit zu geraten.“ Heute klingt diese Warnung wie eine präzise Vorhersage.

Gaslehren und Rohstoffrealität

In der Energiepolitik dachte Europa lange in Heizperioden: LNG-Lieferungen, Speicherfüllstände, Wetterprognosen. Doch bei kritischen Rohstoffen reicht saisonales Denken nicht aus – hier geht es um Jahrzehnte und um die Zukunft technologischer Souveränität.

Um seine Klimaziele zu erreichen, muss Europa den Einsatz fossiler Brennstoffe verringern. Doch der Abschied vom Gas erhöht automatisch den Bedarf an Metallen – ohne sie sind weder Elektroautos noch Energiespeicher denkbar. Die Folge: Die Reduktion einer Abhängigkeit hat eine andere, tiefere und langfristigere geschaffen.

Das Gesetz über kritische Rohstoffe: Von der Vision zur Umsetzung

Mit dem 2024 verabschiedeten Gesetz über kritische Rohstoffe hat die EU ambitionierte Ziele für 2030 formuliert:

  • Mindestens 10 % des Jahresverbrauchs sollen aus EU-eigener Förderung stammen
  • Mindestens 40 % aus Verarbeitung innerhalb der EU
  • Mindestens 25 % aus Recycling
  • Höchstens 65 % aus einem einzigen Drittland

Lange wirkten diese Vorgaben eher wie politische Absichtserklärungen. Europa fehlten industrielle Verarbeitungskapazitäten, Fachkräfte in ausreichender Zahl und vor allem die Genehmigungen für neue Projekte – deren Erteilung oft Jahre dauert.

Doch Ende 2025 kommt Bewegung in die Sache: Als Reaktion auf Chinas Exportbeschränkungen intensiviert die EU ihre Rohstoffpartnerschaften mit Ländern wie Brasilien, Zentralasien, Südafrika und Australien. Viele der politischen Abkommen bleiben jedoch noch ohne konkrete Investitionen.

Gleichzeitig arbeitet die EU an einem Plan, um ihre Abhängigkeit von China bei kritischen Mineralien deutlich zu reduzieren. Das Thema ist nicht länger ein industriepolitisches, sondern längst eine Frage der Sicherheit – so wie Gas seit 2022.

Copyright: AdobeStock #1838338133

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Neue Partner, neue Spielregeln

Der Ansatz, einfach nur neue Lieferanten zu finden, greift nicht mehr. Staaten mit bedeutenden Rohstoffvorkommen setzen heute ihre eigenen Konditionen durch.

Australiens Handelsminister Don Farrell versicherte, sein Land könne stabile Rohstofflieferungen gewährleisten – investiere aber gleichzeitig Milliarden in eigene Verarbeitungskapazitäten und strategische Reserven. Die Botschaft: Australien liefert gerne – aber nur bei langfristigen Abnahmegarantien und gegebenenfalls Kofinanzierung.

Kanada verkündete im Oktober 2025, dass neue Lieferverträge vor allem innerhalb der G7 abgeschlossen würden – unterstützt durch staatliche Förderinstrumente. Europa zählt zu den Partnern, doch Vorrang hat die USA. Der geplante „geschlossene Club“ widerspricht dem marktoffenen Ansatz der EU.

Ein seltenes Erfolgsbeispiel ist die gemeinsam mit EU-Mitteln gestartete Machbarkeitsstudie für eine Verarbeitungsanlage für Seltene Erden in Namibia. Auch Gespräche mit Kasachstan stimmen optimistisch – das Land hat der EU den Zugang zu Dutzenden kritischer Mineralien zugesichert.

Was auf dem Spiel steht

Die Welt ist in das Zeitalter der Rohstoffgeopolitik eingetreten. China verschärft die Kontrolle und verhängt Exportrestriktionen. Australien und Chile setzen zunehmend auf heimische Verarbeitung. Gleichzeitig stocken die Verhandlungen zwischen der EU und den USA über ein Abkommen zu kritischen Mineralien.

Europa bleiben nur wenige Jahre. Während beim Gas die Neuorientierung binnen zwei Jahren gelang, könnte der Aufbau eigenständiger Lieferketten für kritische Mineralien ein Jahrzehnt oder länger dauern. Was es jetzt braucht: neue Verarbeitungskapazitäten, strategische Reserven und vielfältige Bezugsquellen. Noch sind viele Abkommen nur Absichtserklärungen.

Wenn Europa jetzt nicht handelt, wird es sich Mitte der 2030er Jahre womöglich erneut mit einer strategischen Abhängigkeit konfrontiert sehen – diesmal von Rohstoffen, die für die grüne und digitale Zukunft unverzichtbar sind. Doch eine zweite Chance könnte es dann nicht geben.