DER MITTELMEERRAUM WIRD ZUM NEUEN ENERGIEKORRIDOR EUROPAS

Europa gestaltet seine Energiekarte rund um den Mittelmeerraum neu. Die EU will bis 2035 Investitionen in Höhe von 25 Milliarden Euro mobilisieren. Pipelines, LNG-Terminals und neue Energieverbindungen verknüpfen Nordafrika, den östlichen Mittelmeerraum und Südeuropa zu einem zunehmend vernetzten Energiesystem.

 

Nach der Energiekrise von 2022 kehrt der Mittelmeerraum allmählich in einer neuen Rolle auf die Energiekarte Europas zurück. Zuvor bildeten große Pipeline-Lieferungen aus dem Osten das Rückgrat der europäischen Gasversorgung. Nun baut die EU ein komplexeres System auf. Darin sollen Lieferungen aus dem Süden die Importe aus Norwegen, den USA, Katar, Aserbaidschan und anderen Quellen ergänzen.

Dabei geht es nicht um eine einzelne neue Route und schon gar nicht darum, einen einzigen Ersatz für russisches Gas zu finden. Rund um das Mittelmeer entsteht ein Netzwerk aus bestehenden und geplanten Gaspipelines, LNG-Terminals, Gasfeldern und Transitzentren. Es umfasst Algerien und Italien im Westen sowie Ägypten, Israel und Zypern im Osten. Hinzu kommen Routen, über die Gas aus anderen Regionen durch den Mittelmeerraum auf den europäischen Markt gelangt.

Dieser Ansatz entspricht der Strategie der EU, Bezugsquellen und Lieferwege stärker zu diversifizieren. Das Potenzial der Region beruht auf mehreren Faktoren. Dazu gehören die nordafrikanischen Gasreserven, neue Felder im östlichen Mittelmeerraum, bestehende LNG-Infrastruktur und Pipeline-Verbindungen zum europäischen Markt.

Der Mittelmeerraum allein kann jedoch die bisherigen Mengen an russischem Gas nicht ersetzen. Seine wichtigste Funktion ist eine andere: Er schafft zusätzliche Lieferwege. Damit kann die Abhängigkeit des europäischen Energiesystems von einzelnen Lieferanten, Transitländern oder Versorgungskorridoren verringert werden.

Nordafrika und Italien als südliches Eingangstor

Der westliche Teil des entstehenden mediterranen Energiekorridors stützt sich vor allem auf bestehende Infrastruktur. Im östlichen Mittelmeerraum befindet sich ein erheblicher Teil des künftigen Systems noch im Aufbau. Die wichtigsten Pipeline-Verbindungen zwischen Nordafrika und Südeuropa sind dagegen bereits seit Jahrzehnten in Betrieb.

Algerien nimmt dabei als einer der wichtigsten Lieferanten von Pipelinegas in die EU eine besondere Stellung ein. Über das TransMed-System ist das Land mit Italien verbunden. Die Pipeline verläuft durch Tunesien und über das Mittelmeer. Die Medgaz-Pipeline verbindet Algerien direkt mit Spanien. Das Land muss daher keine neue Exportroute zum europäischen Markt aufbauen. Ein Großteil der erforderlichen Infrastruktur ist bereits vorhanden.

Gleichzeitig gewinnt Italien an Bedeutung. Dank seiner geografischen Lage und seiner Pipeline-Anbindungen ist das Land einer der wichtigsten Zugangspunkte für Gas aus südlicher Richtung. Hier treffen die nordafrikanischen Routen und der Südliche Gaskorridor zusammen. Letzterer transportiert Gas aus dem aserbaidschanischen Shah-Deniz-Feld über Georgien, die Türkei, Griechenland und Albanien nach Italien.

Das mediterrane Energiesystem umfasst damit nicht nur die Ressourcen der Länder an den Küsten des Mittelmeers. Durch die Region verlaufen auch Routen, die die EU mit weiter entfernten Gasquellen verbinden.

Im Osten ist die Situation eine andere. Dort hat sich ein bedeutendes Gasbecken entwickelt. Für die Felder in Israel und Zypern fehlen jedoch teilweise noch ausreichende Exportkapazitäten. Genau deshalb gewinnt Ägypten eine Bedeutung, die weit über seine eigenen Exportmöglichkeiten hinausgeht.

Ägypten als Drehscheibe des östlichen Mittelmeerraums

Ägypten verfügt über zwei große LNG-Anlagen – Idku und Damietta – mit einer gemeinsamen Nennkapazität von rund 12 Millionen Tonnen pro Jahr. Dort kann potenziell nicht nur ägyptisches Gas verarbeitet werden, sondern auch Gas aus Nachbarländern. Das daraus gewonnene LNG kann anschließend per Schiff auf die europäischen und globalen Märkte gelangen.

Die besondere Bedeutung Ägyptens liegt daher weniger in den eigenen Reserven als in seiner Infrastruktur. Das gilt vor allem für das künftige Energiesystem des östlichen Mittelmeerraums. Das Land könnte zu einer Verarbeitungs- und Exportdrehscheibe für Gas aus mehreren Feldern der Region werden.

Besonders deutlich wird dieses Modell am Beispiel Zyperns. Cronos wird das erste Gasförderprojekt des Landes sein. Das Gas soll über eine Unterwasserpipeline nach Ägypten transportiert und dort mithilfe bestehender Infrastruktur aufbereitet werden. Anschließend soll es im LNG-Terminal von Damietta verflüssigt und nach Europa exportiert werden. Der Produktionsstart ist für 2028 vorgesehen.

Damit entsteht eine neue Konstellation. Das Gas wird vor der Küste eines Landes gefördert, in einem anderen verarbeitet und anschließend über das Mittelmeer auf den europäischen Markt gebracht. Die Produzenten müssen dadurch nicht für jedes einzelne Feld eine kostspielige Exportinfrastruktur errichten. Stattdessen können sie vorhandene Anlagen in Ägypten nutzen.

Eine ähnliche gegenseitige Abhängigkeit besteht zwischen Ägypten und Israel. Die israelischen Felder Tamar und Leviathan gehören inzwischen zu den wichtigsten Gasquellen im östlichen Mittelmeerraum. Ein erheblicher Teil der israelischen Gasexporte geht nach Ägypten und Jordanien.

Im Januar 2026 traf Chevron die endgültige Investitionsentscheidung für den Ausbau von Leviathan. Nach Abschluss des Projekts sollen die gesamten Gaslieferungen aus dem Feld auf etwa 21 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen. Die neuen Kapazitäten sollen bis zum Ende des Jahrzehnts zur Verfügung stehen. Der Ausbau dürfte damit Israels Rolle als einer der wichtigsten Gaslieferanten der Region weiter stärken. Zusätzliche Mengen könnten auch für die Nachbarmärkte an Bedeutung gewinnen.

Chevron selbst betrachtet den Ausbau von Leviathan in einem regionalen Zusammenhang. Clay Neff, Präsident von Chevron Upstream, erklärte: „Unsere Entscheidung, in den Ausbau der Produktionskapazität von Leviathan zu investieren, spiegelt unser Vertrauen in die Zukunft der Energieversorgung in der Region wider. Eine pragmatische Energiepolitik der USA und der Region trägt dazu bei, die Energiesicherheit im gesamten östlichen Mittelmeerraum zu stärken.“

Die erweiterte Vereinbarung sieht die Lieferung von rund 130 Milliarden Kubikmetern Gas aus Leviathan nach Ägypten vor. Der Wert wird auf etwa 35 Milliarden US-Dollar beziffert. Ein Teil dieses Gases wird von Ägypten selbst benötigt. Zusätzliche Mengen könnten potenziell die ägyptischen LNG-Anlagen versorgen und anschließend exportiert werden.

Das Paradoxon der ägyptischen Drehscheibe

Genau hier zeigt sich jedoch einer der zentralen Widersprüche des entstehenden Energiezentrums im östlichen Mittelmeerraum. Ägypten will zur Exportdrehscheibe der Region werden, leidet gleichzeitig aber selbst unter Gasmangel.

Sinkende Inlandsproduktion und steigende Nachfrage haben das Land erneut zu einem Nettoimporteur von Gas gemacht. Die Anlagen in Idku und Damietta arbeiten weit unter ihrer potenziellen Kapazität. Der Grund ist nicht fehlende Exportinfrastruktur. Vielmehr steht nicht genügend Gas für die Verflüssigung zur Verfügung.

Das Ausmaß des Problems zeigen Kairos eigene Pläne. Laut Reuters führt Ägypten Gespräche mit Shell, TotalEnergies, BP und Hartree Partners. Dabei geht es um den Kauf von 15 bis 18 LNG-Ladungen pro Monat im Rahmen mehrjähriger Verträge. Die Vereinbarungen sollen mindestens drei Jahre laufen. Einzelne Verträge könnten eine Laufzeit von drei bis fünf Jahren haben. Käufe in dieser Größenordnung könnten das Land jährlich 8 bis 11 Milliarden US-Dollar kosten.

So entsteht eine paradoxe Situation: Um zu einer bedeutenden Gasexportdrehscheibe zu werden, muss Ägypten selbst Gas importieren. Die Funktionsfähigkeit dieser Drehscheibe hängt deshalb zunehmend nicht allein von der ägyptischen Produktion ab. Entscheidend wird vielmehr, ob das Land verschiedene Gasströme zusammenführen kann. Dazu gehören die eigene Produktion, Lieferungen aus Israel und künftig auch Gas aus zyprischen Feldern.

Darin liegen zugleich Stärke und Schwäche des ägyptischen Modells. Die Infrastruktur ist bereits vorhanden, sodass Ägypten kein Exportsystem von Grund auf neu errichten muss. Dessen Auslastung hängt jedoch zunehmend von stabilen Lieferungen aus den Nachbarländern ab. Hinzu kommt die Frage, wie viel Gas Ägypten selbst verbraucht.

Der Mittelmeerraum: Europas neue Energiekarte. Grafik: Energy Europe Editorial Team.

Der Mittelmeerraum: Europas neue Energiekarte. Grafik: Energy Europe Editorial Team.

Deutschland und der europäische LNG-Markt

Für Deutschland und andere EU-Länder ist dieses Modell vor allem als zusätzliche Absicherung interessant. Bereits 2022 legten Deutschland und Ägypten die politischen Grundlagen für eine engere Zusammenarbeit im Energiebereich. Die Kontakte wurden in den folgenden Jahren fortgesetzt, auch auf Ebene der zuständigen Ministerien.

Bislang gibt es jedoch keinen öffentlich bekannt gegebenen langfristigen Vertrag über direkte Lieferungen von ägyptischem LNG nach Deutschland. LNG aus Ägypten oder LNG, das über Ägypten auf den Markt gelangt, müsste daher auf dem breiteren Markt mit anderen Angeboten konkurrieren.

Am 30. März 2026 kündigte SEFE eine groß angelegte Ausschreibung für LNG-Lieferungen nach Europa zwischen 2027 und 2036 an. Die möglichen Vertragslaufzeiten reichen von einem bis zu zehn Jahren. Anbieter aus Ägypten oder Anbieter, die LNG über Ägypten vermarkten wollen, müssten dabei mit US-amerikanischen, katarischen und anderen Akteuren auf dem globalen LNG-Markt konkurrieren.

Der Chief Commercial Officer von SEFE, Frédéric Barnaud, brachte die Ausschreibung ausdrücklich mit Europas Versorgungssicherheit in Verbindung: „Mit dieser LNG-Ausschreibung wollen wir den Markt aktiv einbinden, um Versorgungsunterbrechungen im Nahen Osten abzufedern und die Versorgungssicherheit Europas zu stärken, während wir gleichzeitig unsere jüngsten langfristigen LNG-Verträge, darunter den mit Argentinien, ergänzen.“

In diesem Sinne wird der Mittelmeerraum nicht zu einem neuen dominierenden Energielieferanten Europas. Im Gegenteil: Die derzeitigen Veränderungen zielen gerade darauf ab, eine solche Abhängigkeit zu vermeiden.

Ein Netzwerk statt einer einzigen Route

Die Energiekarte der Region wird zunehmend vielschichtiger. Algerien liefert Gas über bestehende Pipelines nach Südeuropa. Aserbaidschanisches Gas gelangt über den Südlichen Gaskorridor nach Italien. Israel baut seine Produktion und seine Exporte in die Nachbarländer aus. Zypern bereitet die Erschließung eigener Offshore-Felder vor. Ägypten wiederum will seine geografische Lage und seine LNG-Anlagen nutzen, um diese Ressourcen mit dem Weltmarkt zu verbinden.

Gleichzeitig bleibt eine direktere Verbindung zwischen dem östlichen Mittelmeerraum und der EU im Gespräch. Das EastMed-Projekt sieht eine Gaspipeline von den Feldern im östlichen Mittelmeer über Zypern und Kreta zum griechischen Festland vor. Von dort wäre eine weitere Verbindung zum italienischen Markt möglich. Die Umsetzung des Projekts bleibt jedoch ungewiss. EastMed kann deshalb bislang nicht als gesicherte künftige Route betrachtet werden.

Der Mittelmeerraum gewinnt für Europa zudem über den Gasmarkt hinaus an Bedeutung. Zwischen mehreren Ländern der Region werden Stromverbindungen entwickelt. Langfristig könnten südliche Routen auch als Infrastruktur für den Import von Wasserstoff und seinen Derivaten dienen.

Diese Überlegungen erläuterte im Juni 2026 auch Dan Jørgensen, EU-Kommissar für Energie und Wohnungswesen. Anlass war der Start der „Trans-Mediterranean Renewable Energy and Clean Tech Cooperation“ (T-MED). Jørgensen erklärte: „Die aktuelle Energiekrise macht deutlich, dass Energiesicherheit nicht allein auf der Diversifizierung der Importe fossiler Brennstoffe beruhen kann. Wir müssen den Übergang zu elektrifizierten Energiesystemen vorantreiben, die auf sauberer Energie, starken grenzüberschreitenden Verbindungen und effizienten Netzen basieren.“

T-MED soll den Ausbau erneuerbarer Energien und von Wasserstoff im gesamten Mittelmeerraum beschleunigen. Hinzu kommen die Herstellung sauberer Technologien und der Ausbau moderner Stromnetze. Die EU will im Rahmen der Initiative bis 2035 Investitionen von bis zu 25 Milliarden Euro mobilisieren. Die Umstrukturierung des Gassystems wird damit Teil eines umfassenderen Wandels der Energieverbindungen zwischen Europa, Nordafrika und dem östlichen Mittelmeerraum.

Die Bedeutung des Mittelmeerraums für Europa hängt deshalb weniger davon ab, wie viel Gas ein einzelnes Land produzieren kann. Entscheidend ist vielmehr das Potenzial, ein Netzwerk sich ergänzender Lieferwege in der Region aufzubauen. Gas kann per Pipeline aus Algerien kommen oder von Israel nach Ägypten gelangen. Künftig könnte auch Gas aus Zypern zu ägyptischen LNG-Anlagen fließen. Hinzu kommen Gas aus Aserbaidschan über die Türkei und den Südlichen Gaskorridor sowie LNG vom Weltmarkt über europäische Terminals.

Diversifizierung verändert die Risiken

Ein solches System hat einen offensichtlichen Vorteil: Der Ausfall einer einzelnen Route bedroht das Gesamtsystem weniger stark als bei einer hohen Abhängigkeit von nur einem Lieferanten oder Versorgungskorridor.

Doch es gibt auch eine Kehrseite. Europa ist zunehmend vom globalen LNG-Markt und einem weit verzweigten Netz südlicher Routen abhängig. Dadurch können sich auch Ereignisse außerhalb der EU stärker auf seine Energieversorgung auswirken. Das reicht von Konflikten im östlichen Mittelmeerraum bis zu Entwicklungen am Persischen Golf und in der Straße von Hormus. Mit der Diversifizierung ist Europa zugleich stärker den Bedingungen des globalen LNG-Marktes ausgesetzt.

Der entstehende mediterrane Energiekorridor ist deshalb keine Neuauflage des alten Systems, bei der lediglich ein großer Lieferant durch einen anderen ersetzt wird. Er ist vielmehr Teil eines grundlegend anderen Modells der Energiesicherheit. Dieses beruht auf mehreren Lieferanten, unterschiedlichen Pipelinerouten, LNG und miteinander verbundenen nationalen Netzen. Hinzu kommt die Möglichkeit, Gasströme zwischen verschiedenen Routen umzuleiten.

Kein einzelnes Land der Region kann allein den Platz des ehemals größten Gaslieferanten Europas einnehmen. Ägypten könnte zu einer wichtigen Verarbeitungs- und Exportdrehscheibe werden. Israel und Zypern könnten zusätzliche Mengen bereitstellen. Algerien bleibt ein wichtiger Lieferant für Südeuropa. Gleichzeitig stärkt Italien seine Rolle als einer der wichtigsten Zugangspunkte zum europäischen Gasnetz.

Der Mittelmeerraum könnte damit nicht zu Europas neuer alleiniger Gasquelle, sondern zu einem zusätzlichen Netz von Lieferwegen und Lieferanten werden. Dadurch würde der Ausfall eines einzelnen Akteurs für das europäische Energiesystem weniger schwer wiegen.