Extreme Hitze legt ein neues Risiko für die Energiesicherheit offen: Der Kühlbedarf steigt gerade dann, wenn die Stromerzeugung aus Wasserkraft, Windkraft, Kernkraft und thermischen Kraftwerken unter Druck gerät. Solarenergie hilft tagsüber, doch die schwierigsten Stunden beginnen nach Sonnenuntergang.
In diesem Sommer sehnte sich Europa bereits nach dem Herbst. Seit Ende Mai hatten aufeinanderfolgende Hitzewellen dem Kontinent extreme Temperaturen gebracht. Juni und Juli waren zusammen der wärmste jemals gemessene Juni-Juli-Zeitraum in Westeuropa, laut dem Copernicus Climate Change Service (C3S), der vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF) im Auftrag der Europäischen Kommission umgesetzt wird.
In einem Kommentar zur Hitzewelle im Juni warnte Samantha Burgess, Strategic Lead for Climate beim ECMWF, vor „wachsenden Risiken für Menschen, Ökosysteme und Infrastruktur in ganz Europa und darüber hinaus“, wie Copernicus berichtete.
Die Strominfrastruktur ist zunehmend Teil dieses Risikos. Das europäische Stromsystem wurde nicht für Sommer wie diesen konzipiert: Hitze treibt den Strombedarf für Kühlung in die Höhe und beeinträchtigt gleichzeitig die Stromerzeugung aus Wasserkraft, Windkraft, Kernkraft und konventionellen thermischen Kraftwerken. Solarenergie hat tagsüber wichtige Entlastung gebracht, doch die schwierigsten Stunden für das System beginnen nach Sonnenuntergang.
Hitze belastet Angebot und Nachfrage zugleich
Extreme Hitze setzt das europäische Stromsystem von zwei Seiten unter Druck. Klimaanlagen treiben den Strombedarf in die Höhe, während Dürre, warme Flüsse, stagnierende Luft und hohe Umgebungstemperaturen das Angebot einschränken können.
Europa begegnet diesen Hitzewellen heute mit einem deutlich saubereren Strommix als noch vor wenigen Jahren. Erneuerbare Energien machten 45,5 % der EU-Stromerzeugung im ersten Quartal 2026 aus, gegenüber 42,7 % im Vorjahr. Windkraft blieb die größte erneuerbare Quelle, während Solarenergie ihren raschen Ausbau fortsetzte.
Solarenergie erwies sich tagsüber als besonders robust. Während der Hitzewellen im Juni und Juli erreichte die Solarstromerzeugung in der EU im Juni rund 52 TWh und im Juli 55 TWh, was in beiden Monaten etwa 25 % der Stromerzeugung in der EU ausmachte. Die Entwicklung unterschied sich jedoch von Land zu Land. An Hitzewellentagen lag die durchschnittliche tägliche Solarstromerzeugung in Frankreich und Ungarn um 17 % höher als an anderen Tagen im Juni und Juli, in Spanien um 5 % höher und in Italien weitgehend unverändert, wie aus der Analyse von Ember hervorgeht.
„Der Anstieg der Solarstromerzeugung trug zur Stabilisierung der Netze bei, als andere Stromquellen Schwierigkeiten hatten, ausreichend Strom zu liefern“, stellte Chris Rosslowe, Senior Energy Analyst bei Ember, fest. Der Beitrag der Solarenergie konzentriert sich jedoch auf die Tageslichtstunden. Der Kühlbedarf bleibt oft auch nach Sonnenuntergang hoch, wenn Gebäude die tagsüber gespeicherte Wärme wieder abgeben.
Keine Stromquelle ist vor Hitze geschützt
Andere Energiequellen hatten einen deutlich schwierigeren Sommer. Niedrige Flusspegel reduzierten die Wasserkraftproduktion auf dem gesamten Kontinent. Laut der Analyse von Ember lagen sieben der acht größten Wasserkraftproduzenten der EU im Juli unter ihrem Fünfjahresdurchschnitt.
Auch die Windenergieerzeugung kann unter Hitzewellen leiden. Viele europäische Hitzewellen gehen mit anhaltenden Hochdruckgebieten einher, die zu Windstille und geringeren Windgeschwindigkeiten führen können. Eine Studie mit Schwerpunkt auf Südeuropa ergab, dass die Windstromerzeugung während Hitzewellen um bis zu 30,8 % sinken könnte.
Auch Kernreaktoren sind gegen Hitze nicht gefeit. Sie benötigen erhebliche Mengen an Kühlwasser, während Umweltvorschriften die Einleitung von übermäßig warmem Wasser in Flüsse einschränken. Frankreich, der größte Produzent von Kernenergie in der EU, ist zum sichtbarsten Beispiel geworden. Im Juli führten Hitze und die Flussbedingungen zu einer Leistungsreduzierung von 6,3 GW bei acht Reaktoren. Mitte August wurde erwartet, dass eine weitere Hitzewelle die Leistung von neun Reaktoren um bis zu 9,4 GW einschränken würde.
Auch konventionelle Wärmekraftwerke sind betroffen. Kohle-, Gas- und Biomasseanlagen müssen gekühlt werden, während Gasturbinen an Effizienz verlieren, wenn die Temperatur der Ansaugluft steigt. Im Juli gefährdeten hohe Temperaturen im Mittelmeer zudem den Betrieb des Gaskraftwerks Martigues in Südfrankreich, da sich das zur Kühlung verwendete Meerwasser den zulässigen Temperaturgrenzwerten näherte. Der Vorfall machte deutlich, dass diese Anfälligkeit nicht auf die Kernenergie beschränkt ist: Jedes große thermische Kraftwerk, das erhebliche Mengen an Abwärme abführen muss, kann empfindlich auf Temperatur und Verfügbarkeit seiner Kühlquelle reagieren.
Keine Erzeugungstechnologie ist vollständig vor extremer Hitze geschützt.
Kühlung wird zur strukturellen Herausforderung für das Stromsystem
Das Kernproblem besteht darin, dass die Zuverlässigkeit der Stromversorgung gerade dann sinkt, wenn der Bedarf steigt. Während der Hitzewellen Ende Juni und im Juli stieg der tägliche Strombedarf laut Ember im Vergleich zu den Tagen vor der Hitzewelle in Italien um bis zu 28 %, in Ungarn um 23 %, in Frankreich um 14 % und in Spanien um 13 %.
Dabei handelt es sich nicht nur um ein Problem eines außergewöhnlich heißen Sommers. Kühlung wird zu einer strukturellen Herausforderung für Stromsysteme. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) ist der weltweite Strombedarf für Raumkühlung seit 2015 um rund 50 % auf etwa 2.900 TWh gestiegen – mehr als der gesamte jährliche Stromverbrauch der EU – und machte in diesem Zeitraum etwa 14 % des weltweiten Stromnachfragewachstums aus.
Die IEA rechnet zudem damit, dass der Stromverbrauch in der EU in den fünf Jahren bis 2030 um rund 300 TWh steigen wird, wobei Gebäude den größten Anteil am Nachfragewachstum haben werden. Neben Rechenzentren und Wärmepumpen dürfte die steigende Nachfrage nach Kühlung einen großen Teil des zusätzlichen Verbrauchs im Gebäudesektor ausmachen.
Problematisch für die Stromsysteme ist vor allem, dass sich der Kühlbedarf auf relativ wenige Stunden konzentriert. Nach Angaben der IEA macht Kühlung weltweit rund 10 % des jährlichen Stromverbrauchs aus, aber etwa 30 % des Spitzenstrombedarfs. Hitzewellen können deshalb innerhalb weniger Stunden eine unverhältnismäßig hohe Belastung verursachen.
Sie können zudem langfristige Auswirkungen haben. Extreme Hitze erhöht nicht nur die Nutzung bestehender Klimaanlagen, sondern veranlasst Haushalte und Unternehmen auch zum Kauf neuer Geräte. Dadurch entsteht zusätzlicher Strombedarf, der auch nach dem Ende einer Hitzewelle bestehen bleibt. Die IEA schätzt, dass der weltweite Kühlbedarf unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen bis 2035 um 1.600 TWh steigen könnte – ungefähr so viel wie der heutige jährliche Stromverbrauch Japans und Koreas zusammen. In einem Szenario mit häufigeren und intensiveren Hitzewellen könnten weitere 700 TWh hinzukommen. Mehr als 60 % dieses zusätzlichen Bedarfs würden auf die schnellere Verbreitung von Klimaanlagen zurückgehen und nicht allein auf die stärkere Nutzung bereits vorhandener Geräte.
Die schwierigsten Stunden kommen nach Sonnenuntergang
Die kritischen Stunden sind nicht immer die heißesten. Gegen Mittag steht reichlich Solarstrom zur Verfügung, doch Klimaanlagen laufen bis in den Abend hinein weiter, da Gebäude die gespeicherte Wärme abgeben. Bei Sonnenuntergang sinkt die Solarstromproduktion dann rapide, sodass Batterien, Wasserkraft, Importe und Gaskraftwerke die verbleibende Residuallast decken müssen.

Europe’s power system under heat stress. Graphic by the Energy Europe Editorial Team.
„Solarenergie leistet bei Hitzewellen bereits Schwerstarbeit, aber die eigentliche Herausforderung beginnt nach Sonnenuntergang“, sagte Rosslowe gegenüber Euronews.
Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wird auf den Strommärkten immer deutlicher. An Hitzewellentagen lagen die Preise auf mehreren Märkten deutlich höher. Während der Hitzewelle in der zweiten Augustwoche stiegen die französischen Day-Ahead-Strompreise innerhalb eines Handelstages um 21,8 % auf 142,50 €/MWh, während die deutschen Preise um 22,8 % auf 138,50 €/MWh kletterten.
Unterschiedliche Versorgungsengpässe belasteten beide Märkte gleichzeitig. Die französische Kernstromerzeugung wurde durch hohe Flusstemperaturen eingeschränkt, während für die deutsche Windstromerzeugung ein Rückgang um rund 8,1 GW prognostiziert wurde – etwa 60 % unter dem saisonalen Durchschnitt.
Die Auswirkungen machten nicht an den Landesgrenzen Halt. Frankreich blieb während der Hitzewelle im August Netto-Stromexporteur, doch die Exportmengen sanken mit der geringeren Verfügbarkeit der Kernkraftwerke. Dadurch stieg in benachbarten Märkten wie Deutschland und Großbritannien der Bedarf an Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken.
Deshalb sind grenzüberschreitende Stromverbindungen zwar wertvoll, können Wetterrisiken jedoch nicht vollständig ausgleichen. Strom kann europaweit übertragen werden, doch gleichzeitige Hitze, Dürre und windarme Bedingungen können mehrere miteinander verbundene Märkte gleichzeitig beeinträchtigen.
Hitzeresilienz wird zur Investitionspriorität
Europa ist bislang von einer systemischen Stromknappheit verschont geblieben. Der Sommerausblick 2026 des European Network of Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E) bewertete die allgemeine Versorgungslage als günstig. Für den Großteil des europäischen Stromsystems wurden keine systemischen Risiken erwartet. Einzelne Länder mussten jedoch bereits Notfallmaßnahmen ergreifen.
Ungarn erhöhte die Importe und appellierte an Unternehmen und Haushalte, ihren Stromverbrauch zu senken, da rekordtiefe Wasserstände der Donau die Stromerzeugung einschränkten. Die Regierung forderte Verbraucher zudem auf, den Bedarf in besonders belasteten Zeiten zu reduzieren, darunter auch die Nutzung von Klimaanlagen und das Laden von Elektrofahrzeugen. Reuters berichtete, dass das Land die Importe erhöht und zu Verbrauchseinsparungen aufgerufen habe, da die Stromversorgungslage kritisch geworden sei.
Rumänien forderte ebenfalls freiwillige Einsparungen beim Stromverbrauch in den Abendstunden, da rekordtiefe Wasserstände der Donau die Kernstromerzeugung gefährdeten. Das Land rief daraufhin für August einen Energienotstand aus und bat Unternehmen und Haushalte, ihren Verbrauch während der abendlichen Spitzenzeiten freiwillig zu reduzieren.
Auf EU-Ebene ist die Reaktion umfassender. Die Europäische Kommission bereitet einen integrierten Rahmen für Klimaresilienz vor und fördert gleichzeitig den Ausbau grenzüberschreitender Stromverbindungen, erneuerbarer Energien, Speicherkapazitäten, Energieeffizienz und klimaresilienter Gebäude. Sie hat zudem davor gewarnt, sich bei steigenden Temperaturen allein auf Klimaanlagen zu verlassen, und betont passive Kühlung, grünere Städte und andere Maßnahmen zur Verringerung des Kühlbedarfs.
Für Unternehmen wird das Thema zunehmend zu einer Frage langfristiger Investitionen statt des Notfallmanagements. Der französische staatliche Energieversorger EDF hat 8,7 Milliarden Euro bereitgestellt, um seine Kern- und Wasserkraftinfrastruktur an höhere Temperaturen anzupassen.
Der Umfang des Programms zeigt, dass Klimaanpassung für Stromerzeuger längst keine theoretische Frage mehr ist. EDF sah sich in diesem Sommer bereits mehrfach mit hitzebedingten Leistungsbeschränkungen konfrontiert. Auf dem Höhepunkt der August-Hitzewelle drohte eine Drosselung von rund 15 % der französischen Kernkraftkapazität.
Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß der bevorstehenden Anpassungen. Hitzeresilienz erfordert Investitionen nicht nur von Stromerzeugern, sondern auch von Netzbetreibern, Kommunen, Immobilieneigentümern und industriellen Verbrauchern. Die zentrale Frage ist, ob diese Investitionen noch vor der nächsten Hitzewelle getätigt werden oder erst nach einer Phase angespannter Versorgung, steigender Preise und notfallbedingter Nachfragereduzierungen.
Flexibilität ist wichtiger als eine „hitzesichere“ Technologie
Der Sommer hat gezeigt, dass keine Stromquelle vollständig hitzesicher ist. Solarenergie kann Nachfragespitzen tagsüber abfedern, doch Dürre kann die Wasserkraftproduktion verringern, stagnierende Wetterlagen können die Windstromerzeugung schwächen und hohe Flusstemperaturen den Betrieb von Kernkraftwerken und anderen thermischen Kraftwerken einschränken.
Europas wirksamstes kurzfristiges Instrument ist daher Flexibilität. Speicher können Solarstrom vom Mittag in die Abendstunden verlagern. Stärkere grenzüberschreitende Stromverbindungen können Energie aus Regionen übertragen, die von einem bestimmten Wetterereignis weniger betroffen sind. Demand-Response-Programme können Haushalte und Industrie dafür belohnen, ihren Verbrauch aus besonders belasteten Zeiten zu verlagern.
Der Wert eines diversifizierten Systems liegt zunehmend nicht nur darin, über unterschiedliche Erzeugungsquellen zu verfügen, sondern Erzeugung und Verbrauch flexibel zwischen Technologien, Tageszeiten und Regionen ausgleichen zu können. Ein trockener Sommer kann die Wasserkraft schwächen, anhaltender Hochdruck die Windstromerzeugung dämpfen und warme Flüsse den Betrieb von Kernkraft- und Wärmekraftwerken einschränken. Flexibilität hilft dem System, diese Belastungen auszugleichen, wenn mehrere davon gleichzeitig auftreten.
Die IEA geht davon aus, dass diese Herausforderung zunehmen wird, da Strom in der gesamten Wirtschaft eine immer größere Rolle spielt. Der weltweite Strombedarf wird zwischen 2026 und 2030 voraussichtlich um durchschnittlich 3,6 % pro Jahr steigen, während der Verbrauch in der EU in diesem Zeitraum um rund 300 TWh zunehmen dürfte. Die Agentur betont, dass Netzausbau, Systemflexibilität und eine effizientere Nutzung der bestehenden Infrastruktur entscheidend sein werden, wenn die variable Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien weiter wächst.
Auch bauliche Maßnahmen und Stadtplanung spielen eine wichtige Rolle. Bessere Dämmung, Außenbeschattung, reflektierende Dächer, natürliche Belüftung, Bäume und städtische Begrünung können den Strombedarf für Kühlung von vornherein reduzieren. Städte können zudem kühle öffentliche Rückzugsorte schaffen, an denen Bewohner die schlimmsten Stunden einer Hitzewelle sicher verbringen können, anstatt viele einzelne Wohnungen gleichzeitig zu kühlen.
Die Europäische Kommission vertritt die Ansicht, dass passive Kühlung und andere Anpassungsmaßnahmen die mechanische Klimatisierung ergänzen sollten, anstatt einen ungebremsten Anstieg des Kühlbedarfs zuzulassen.
In diesem Sinne ist Europas Sommer-Stresstest nicht in erster Linie ein Argument gegen eine bestimmte Technologie. Vielmehr zeigt er, dass das Stromsystem für Situationen ausgelegt werden muss, in denen mehrere Erzeugungstechnologien gleichzeitig unter Druck geraten.
Anpassung ist mittlerweile Teil der Energiesicherheit. Europa kann auf extreme Hitze nicht allein mit mehr Erzeugungskapazität reagieren; es muss ein Stromsystem – und Städte – schaffen, die für den Betrieb in einem heißeren Klima ausgelegt sind.