US-ENERGIE ALS BRÜCKE IN DIE EU-ZUKUNFT

Im Energiebereich steht Europa vor neuen Herausforderungen, die seine Strategie radikal verändern: Die grundlegende Entscheidung, auf Energieträger aus Russland zu verzichten, öffnet die Tür für eine transatlantische Partnerschaft im Energiebereich. Die USA sind auf dem besten Weg, sich als führender Lieferant von Flüssigerdgas (LNG) zu etablieren, und sind bereit, diese Lieferungen zuverlässig und langfristig zu gestalten. Für beide Seiten ist dies eine Chance, die transatlantischen Beziehungen zu stärken und die Architektur der Energiesicherheit neu zu gestalten.

 US-Gas stärkt Europas Energieunabhängigkeit nachhaltig

Die Einfuhr von LNG aus den USA ist für Europa zu einem echten strategischen Stützpunkt in der neuen Realität geworden, in der auf dem europäischen Kontinent Krieg herrscht und die bisherigen Energieverbindungen weitgehend unterbrochen sind. Nach Angaben des Instituts für Energiewirtschaft und Finanzanalyse (IEEFA) stammte in den letzten Jahren ein erheblicher Teil der europäischen LNG-Importe aus den USA, aber auch die EU blieb der größte Abnehmer von amerikanischem Gas. Im Jahr 2024 verbrauchte sie mehr als die Hälfte der amerikanischen Exporte.

Aus Sicht der europäischen Sicherheit ist dies eine äußerst wichtige Ressource: Die Unabhängigkeit von russischen Pipelines erfordert Alternativen, und amerikanisches LNG bietet diese Möglichkeit selbst unter Bedingungen geopolitischer Unsicherheit.

Gleichzeitig ist die Energiepolitik zu einem Element des Handelsspiels geworden – die jüngsten Äußerungen von Donald Trump zeigen dies deutlich. Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus erklärte er: „Sie werden unsere Energie von uns kaufen müssen … wir können in einer Woche 350 Milliarden Dollar einsparen.“ Seinen Worten zufolge würde dies dazu beitragen, das Defizit der USA gegenüber Europa zu verringern.

Analysten mahnen jedoch zur Vorsicht: Ein Kauf in dieser Größenordnung erscheint unrealistisch. Um das Versprechen von 350 Milliarden Dollar einzuhalten, müsste die EU praktisch alle anderen Lieferanten ersetzen – dies würde umfangreiche kommerzielle Verpflichtungen und Änderungen in der Infrastruktur erfordern. Es wäre sehr schwierig, solche Mengen zu kontrahieren, insbesondere angesichts der klimatischen Prioritäten und der bestehenden langfristigen Verträge.

 Die Preisbelastung für Deutschland

Für Deutschland ist dieser Übergang nicht nur eine strategische Entscheidung, sondern auch eine erhebliche finanzielle Belastung. McKinsey prognostiziert, dass sein Gasverbrauch bis 2030 nur um 3 bis 7 % sinken könnte – von etwa 740 TWh auf 690 bis 720 TWh.

Experten erklären, dass dies auf den langsamen Austausch von Gasheizkesseln durch Wärmepumpen und die anhaltende Nachfrage nach Heizung und Energieerzeugung zurückzuführen ist.

Laut Thomas Vahlenkamp, Senior Partner im Düsseldorfer Büro von McKinsey, wird Deutschland wahrscheinlich länger als bisher angenommen von Erdgas abhängig sein. Mit anderen Worten: Auch nach dem Verzicht auf russisches Gas wird Deutschland weiterhin stark in den globalen LNG-Markt eingebunden sein – was jedoch mit erheblichen Kosten und Preisrisiken verbunden sein kann.

Strategische Risiken

Das größte Paradoxon besteht darin, dass Europa durch die Beendigung seiner Abhängigkeit von Russland in eine neue Abhängigkeit geraten könnte – nämlich von den USA. Die Umstellung auf den massiven Einkauf ausschließlich amerikanischer Gaslieferungen erhöht den Druck, und Washington könnte irgendwann nicht widerstehen und seine Energieexportkapazitäten als Element seiner Handelsstrategie einsetzen. So behauptet Anne-Sophie Corbeau, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center on Global Energy Policy der Columbia University School of International and Public Affairs, dass „eine Verdopplung der LNG-Importe der EU aus den USA im Einklang mit einer Verdopplung der LNG-Exporte der USA bis 2030 die Abhängigkeit der Region von einem einzigen Lieferanten dramatisch erhöhen würde, was die EU wahrscheinlich nicht gerne sehen würde“.

Zweifellos sind die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten ein bewährter und zuverlässiger Partner des Alten Kontinents. Einige europäische Beamte und Analysten befürchten jedoch, dass neue Energieverpflichtungen die strategische Freiheit der EU einschränken und in Zukunft zu einem Hemmnis für den für die EU lebenswichtigen Kurs nicht nur der Diversifizierung der Energiequellen, sondern auch der grünen Wende und der konkreten Schritte zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen werden könnten. Ein Kurs, bei dem Europa in Zukunft völlig frei in der Wahl seiner Lieferanten sein sollte. Insbesondere Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der NGO Deutsche Umwelthilfe e.V., bezeichnet die intensiven Beziehungen zwischen der EU und den USA im Energiebereich als „ein katastrophales Signal für den Klimaschutz“. „Ein solcher ‚Deal‘ wirft die EU nicht nur in Sachen Klimapolitik zurück, sondern vertieft auch ihre Abhängigkeit von einem US-Präsidenten, der Energievorräte als Mittel geopolitischen Drucks einsetzt.“

Alternativen wie Katar sind ebenfalls nicht unproblematisch: Langfristige Verträge mit Katar werden gemäß den Wünschen des Exporteurs häufig für 20 bis 25 Jahre abgeschlossen. Dies kann jedoch zu gewissen Problemen führen. Wenn Europa solche Vereinbarungen unterzeichnet, bindet es sich selbst an einen anderen Lieferanten. Lieferanten wie Katar scheuen sich nicht davor, echte politische Erpressung zu betreiben: Man denke nur an den anhaltenden Konflikt um das EU-Lieferkettengesetz (Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), in der Katar eine Bedrohung für sein Geschäft sieht und daher die Aufhebung der Richtlinie fordert – mit Drohungen statt Verhandlungen.

Die Drohungen Katars machen dieses Land für die EU zu einem unzuverlässigen Partner: Es verlangt Nachfragegarantien und versucht, Spielregeln zu diktieren, die nicht immer mit den europäischen Klimazielen übereinstimmen. In diesem Sinne ist nicht Katar, sondern doch die USA die beste Lösung für die Energiesicherheit der EU. Denn die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind viel berechenbarer und transparenter.

European Energy Sovereignty (Canva)

European Energy Sovereignty (Canva)

Langfristige Entwicklung

Unter Experten wird immer häufiger die Meinung geäußert, dass Europa nicht nur seine Lieferungen diversifizieren, sondern auch danach streben sollte, die Rolle von Erdgas in der Energiebilanz zu verringern. So erinnern beispielsweise die Internationale Energieantur (IEA) und ihr Generalsekretär Fatih Birol in den letzten Jahren immer wieder daran, dass Europa die Reduzierung der Gasnachfrage und den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen sollte, um eine langfristige Abhängigkeit von importiertem Gas zu vermeiden. Diese Meinung findet auch bei der EU-Führung Anklang. In ihrer Rede zur Lage der Union sagte Ursula von der Leyen: „Je weniger wir von fossilen Brennstoffen abhängig sind, desto größer ist unsere Energiesicherheit.“

Laut dem Bericht der IEEFA könnten die Regasifizierungskapazitäten in diesem Block auf ein Niveau ansteigen, das die tatsächliche Nachfrage übersteigt – insbesondere wenn Europa den Übergang zu erneuerbaren Energien vorantreibt. Dies birgt das Risiko einer Überkapazität an Terminals, die nicht ausgelastet sein werden, wenn die Nachfrage nach Gas weiter sinkt. Dies würde sich sehr negativ auf das Investitionsklima in der Region auswirken.

Parallel dazu weisen Studien (einschließlich langfristiger Szenarien für Deutschland) auf die bedeutende Rolle von Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen bis 2050 hin. Solche Veränderungen erfordern jahrzehntelange Forschung und Entwicklung sowie Investitionen, bieten jedoch die Chance, die Importabhängigkeit zu verringern und die Energiesouveränität zu stärken.

EU-US ein Win-Win, langfristig muss man aber auf grüne Energie setzen

Die strategische Zusammenarbeit zwischen den USA und der EU im Energiebereich ist eine echte Chance, die transatlantische Achse zu stärken und Europa die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, die in der Vergangenheit nur durch russisches Pipelinegas gewährleistet war. Es muss jedoch klar sein, dass es sich hierbei nicht nur um ein kommerzielles Geschäft handelt, sondern um eine geopolitische Wette.

Europa muss sich nicht nur vollständig von Russland lösen, sondern parallel dazu den Weg zu einer echten Energiesouveränität ebnen. Andernfalls könnte es in eine neue Falle tappen und in eine neue Abhängigkeit geraten. Das eigentliche Ziel besteht nach Ansicht der meisten Experten weniger darin, einen Lieferanten durch einen anderen zu ersetzen als vielmehr in einer konsequenten Umgestaltung des gesamten Energiesystems.

Für Deutschland ist dies von entscheidender Bedeutung: Es ist wichtig, eine Politik zu verfolgen, die es ermöglicht, russisches Gas vom Markt zu verdrängen, und die auf Nachhaltigkeit, saubere Energie und Unabhängigkeit von externen Quellen ausgerichtet ist. Unter den gegenwärtigen Umständen mag dies einigen utopisch erscheinen. Aber nur so kann Europa strategische Flexibilität erlangen und wirklich energieunabhängig werden.