ÜBER ERNEUERBARE ENERGIEN HINAUS: EUROPAS SPEICHERNETZ AUFBAUEN

Ein Stromausfall in Berlin, ausgelöst durch einen Brandanschlag im Januar 2026, war eine deutliche Warnung: Saubere Energie allein wird Europas Energiezukunft nicht sichern. Mit dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien verlagert sich der eigentliche Engpass von der Erzeugung hin zur Flexibilität, und die Langzeitspeicherung von Energie entwickelt sich zu einem der umstrittensten Instrumente, um diese Lücke zu schließen.

Im Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in der Nähe des Berliner Kraftwerks Lichterfelde dazu, dass Zehntausende Haushalte und Unternehmen im Südwesten der Stadt mehrere Tage lang ohne Strom und in vielen Fällen auch ohne Heizung waren. Der Vorfall machte schnell deutlich, dass es bei der Energiewende in Europa nicht nur darum geht, mehr sauberen Strom zu produzieren. Es geht auch darum, Energiesysteme widerstandsfähiger und flexibler zu machen und besser auf Störungen vorzubereiten – sei es durch Wetterextreme, technische Ausfälle oder Sabotage. Genau hier kommt die Langzeitspeicherung von Energie, kurz LDES, ins Spiel.

Europa macht Tempo, um die Speicherlücke zu schließen 

Europa macht stetige Fortschritte bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Im Jahr 2025 machten erneuerbare Energien laut Eurostat 47,3 Prozent der gesamten Stromerzeugung in der EU aus. Doch mehr sauberer Strom bedeutet nicht automatisch ein effizienteres System. Mit dem Ausbau der Wind- und Solarkapazitäten haben die Netze zunehmend Schwierigkeiten, Überschüsse in Zeiten geringer Nachfrage aufzunehmen. Die Folge ist Abregelung – Strom, der genutzt werden könnte, aber stattdessen gedrosselt oder abgeschaltet wird, weil das System ihn nicht rechtzeitig transportieren, speichern oder verbrauchen kann.

Das ist die neue Flexibilitätslücke in der europäischen Energiewende. Um die Klima- und Energieziele der EU für 2030 zu erreichen, braucht es nicht nur mehr erneuerbare Energieerzeugung, sondern auch deutlich größere Kapazitäten, Energie über längere Zeit zu verschieben. Konkret benötigt Europa Technologien, die Strom wesentlich länger speichern können als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien, die sich vor allem für kürzere Ausgleichszeiträume eignen. LDES bezeichnet eine breite Palette von Lösungen, die darauf ausgelegt sind, Energie über viele Stunden, mehrere Tage oder sogar noch länger zu speichern. „Der Weg zu einem CO2-freien Stromsystem führt über die Langzeitspeicherung – und die EU muss dies zu einer politischen Priorität machen“, zitierte das Europäische Parlament 2026 den irischen Europaabgeordneten Seán Kelly. Sein Landsmann Billy Kelleher hatte Energiespeicherung bereits 2023 als den Heiligen Gral bezeichnet.

Langzeitspeicherung nimmt in Europa Gestalt an

Die Technologien sind sehr unterschiedlich. Einige sind elektrochemischer Natur, etwa Flussbatterien, die Energie in flüssigen Elektrolyten speichern, die in externen Tanks lagern. Andere sind mechanischer Art, zum Beispiel Druckluftspeichersysteme, die überschüssigen Strom nutzen, um Luft zu komprimieren und sie später wieder freizusetzen, um eine Turbine anzutreiben. Pumpspeicherkraftwerke speichern Energie, indem sie Wasser bergauf pumpen und es bei Bedarf wieder ablassen. Thermische Systeme speichern Wärme oder Kälte. Auch Wasserstoff kann eine Rolle spielen, indem überschüssiger Strom genutzt wird, um Wasser zu spalten und Wasserstoff als Brennstoff für die spätere Nutzung zu speichern. Was all diese Technologien verbindet, ist nicht ihre Chemie oder Technik, sondern ihr Zweck: Flexibilität über deutlich längere Zeiträume bereitzustellen, als es herkömmliche Batteriesysteme können. „Unsere Technologie ist bereit. Die Projekte laufen. Aber in zu vielen Fällen hat die Politik noch nicht aufgeholt“, betont Julia Souder, CEO des Long Duration Energy Storage Council.

Befürworter von LDES argumentieren, dass solche Technologien unverzichtbar werden könnten, während Europa ein Stromsystem aufbaut, das von schwankenden erneuerbaren Energien dominiert wird. Sie betrachten Speicherung nicht als Luxus, sondern als kritische Infrastruktur für ein dekarbonisiertes Netz. Doch die Begeisterung eilt der Umsetzung noch voraus. Während die Branche Fortschritte macht, befinden sich die meisten europäischen Projekte noch in der Pilotphase oder in einer frühen kommerziellen Phase. Die Technologie existiert, doch ihre Skalierung bleibt langsam, teuer und politisch komplex.

Ein gutes Beispiel ist das niederländische Start-up Ore Energy, das Anfang 2026 nach eigenen Angaben das erste netzgekoppelte Eisen-Luft-LDES-Pilotprojekt Europas in einer realitätsnahen Versorgungsumgebung fertigstellt hat. Das System wurde unter verschiedenen Betriebsbedingungen getestet und demonstrierte eine Entladung über rund 100 Stunden – also etwa vier Tage. Aufmerksamkeit erregte die Technologie nicht nur wegen ihrer Dauer, sondern auch deshalb, weil sie auf weit verbreiteten Materialien wie Eisen, Wasser und Luft basiert und keine seltenen oder nur begrenzt verfügbaren Rohstoffe benötigt. Für Europa eröffnet dies die Aussicht, Teile der Lieferkette näher am eigenen Standort aufzubauen. Dennoch führen vielversprechende Pilotprojekte nicht automatisch zu einem breiten Einsatz im Energiesystem. Die kommerzielle Skalierung erfordert weiterhin Zeit, Kapital und regulatorische Unterstützung.

Deshalb versucht Brüssel nun, die industrielle Seite der Energiewende zu beschleunigen. Am 4. März 2026 schlug die Europäische Kommission den „Industrial Accelerator Act“ (IAA) vor – ein neues Gesetzespaket, das darauf abzielt, die industriellen Kapazitäten und die Dekarbonisierung in strategischen Sektoren zu stärken. Der Vorschlag ist Teil einer umfassenderen Initiative, mit der sichergestellt werden soll, dass mehr der in Europa eingesetzten sauberen Technologien auch in Europa hergestellt werden.

Unter anderem führt der Entwurf „Made in EU“- und CO2-Reduktionsanforderungen in ausgewählten öffentlichen Beschaffungs- und Förderprogrammen ein und verknüpft Industriepolitik enger mit strategischen Technologien. Für den europäischen LDES-Sektor schafft dies sowohl Chancen als auch Spannungen. Einerseits könnte eine stärkere heimische Produktion die strategische Abhängigkeit von importierten Anlagen für saubere Technologien verringern und dazu beitragen, eine industrielle Basis im Bereich der Speicherung aufzubauen. Andererseits riskiert Europa eine Verlangsamung der kurzfristigen Einführung, wenn Vorschriften zum lokalen Anteil den Einsatz von Technologien erschweren oder verteuern, die anderswo bereits verfügbar sind. Dieses Dilemma zeigt sich besonders deutlich mit Blick auf China, das derzeit einen Großteil der globalen Lieferkette für saubere Technologien dominiert und bei der Skalierung von Speichertechnologien schneller vorangekommen ist als Europa.

Long-Duration Energy Storage in Europe, Graphic by Energy Europe Editorial Team

Long-Duration Energy Storage in Europe, Graphic by Energy Europe Editorial Team

Ein Zielkonflikt prägt Europas LDES-Strategie

Die Debatte innerhalb der EU spiegelt diesen Zielkonflikt wider. Frankreich und einige andere Mitgliedstaaten haben sich für einen strikten „EU-only“-Ansatz in strategischen Sektoren ausgesprochen. Deutschland tendiert eher zu einem pragmatischeren „Made with Europe“-Modell, das mehr Raum für vertrauenswürdige internationale Partner und gemeinsame Industrieprojekte lassen würde. Dahinter steht die Warnung von Stéphane Séjourné, Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission, die er auf einer Pressekonferenz formulierte: „Wenn wir nichts tun, ist es ganz klar, dass in Kürze 100 Prozent der sauberen Technologien in China produziert werden.“

In der Praxis wird das endgültige Ergebnis für LDES von großer Bedeutung sein. Ein rigider Ansatz könnte die industrielle Souveränität stärken, aber die Einführung verlangsamen. Ein offeneres Modell könnte den Ausbau beschleunigen und gleichzeitig mehr Wertschöpfung in Europa verankern.

Die Realität dürfte eher gemischt als ideologisch geprägt sein. Auch wenn die EU von strategischer Autonomie spricht, lässt sie unter bestimmten Bedingungen die Tür für ausländische Investitionen offen. Der umfassendere Rahmen der Kommission ermöglicht es großen ausländischen Investoren, sich in strategischen Sektoren zu engagieren, sofern dies industrielle Kapazitäten, Arbeitsplätze und technologische Entwicklung in Europa stärkt. In diesem Sinne dürfte die Zukunft von LDES in Europa weder rein europäisch noch rein importiert sein. Sie könnte vielmehr von hybriden Modellen abhängen – also von ausländischer Technologie in Kombination mit europäischer Fertigung, europäischen Forschungspartnerschaften und lokalen Anforderungen an Beschäftigung und Qualifikation.

Europa verfügt zudem über Vorteile, die über die Produktionskosten hinausgehen. Es bietet hochentwickelte Strommärkte, starke Forschungseinrichtungen und ein außergewöhnlich wertvolles Testumfeld. Demonstrationsprojekte in Europa können zeigen, ob eine Technologie nicht nur im Labor, sondern auch unter realen Netzbedingungen in einem stark regulierten und zunehmend von erneuerbaren Energien geprägten System funktioniert. Das macht den Kontinent attraktiv für Pilotprojekte, Joint Ventures und industrielle Partnerschaften, auch wenn die Einführung langsamer voranschreitet, als es sich viele Befürworter wünschen.

Flexibilität bleibt das fehlende Glied der europäischen Energiewende

Dennoch ist der Stromausfall in Berlin eine konkrete Erinnerung daran, was Speicher leisten können – und was nicht. LDES allein hätte einen durch physische Sabotage an lokaler Infrastruktur verursachten Ausfall nicht verhindern können. Die Widerstandsfähigkeit hängt in solchen Fällen von einem breiteren Mix an Instrumenten ab: Netzredundanz, dezentrale Backup-Systeme, Inselbetriebsfähigkeit sowie das Zusammenspiel von lokaler Erzeugung und Speicherung. Der Vorfall verdeutlicht jedoch einen übergeordneten Punkt: Ein dekarbonisiertes Stromnetz muss auch widerstandsfähig sein, und Widerstandsfähigkeit erfordert Flexibilität auf jeder Ebene.

Deshalb ist Europas LDES-Vorstoß so bedeutsam. Der Kontinent setzt darauf, eine heimische Clean-Tech-Basis aufzubauen, strategische Abhängigkeiten verringern und neue Flexibilitätsinstrumente schnell genug einsetzen kann, um ein Stromnetz zu stützen, das zunehmend von Wind- und Solarenergie geprägt ist. Gelingt das, könnte Langzeitspeicherung zu einem der wichtigsten Wegbereiter für ein sichereres und erschwinglicheres kohlenstoffarmes Netz werden. Geht es zu langsam voran, könnte Europa zwar immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, aber zu wenig Flexibilität haben, um ihn vollständig zu nutzen. In diesem Sinne ist LDES nicht die einzige Antwort auf Europas Energiezukunft. Aber es könnte eines der wichtigsten fehlenden Puzzleteile werden. Der Stromausfall in Berlin hat daran erinnert, dass es in Zeiten von Cyber- und physischen Bedrohungen bei Flexibilität nicht nur darum geht, erneuerbare Energien auszugleichen, sondern auch darum, Stromnetze funktionsfähig zu halten, wenn etwas schiefläuft.