FRACKING IN EUROPA – RETTUNGSANKER ODER IRRWEG?

Angesichts von Energiekrisen, hohen Gaspreisen und dem Wunsch nach mehr Versorgungssicherheit wird in Europa immer wieder über Fracking diskutiert. Auf den ersten Blick wirkt die Idee verlockend: heimisches Gas fördern, Importe senken, Abhängigkeiten verringern. In der Praxis zeigt sich jedoch ein deutlich komplizierteres Bild – vor allem in Deutschland, wo unkonventionelles Fracking seit 2017 verboten ist und die EU ihre Gasversorgung inzwischen stark diversifiziert hat.

Was Fracking leisten würde – und was nicht

Fracking kann Erdgas aus sehr dichten Gesteinsschichten erschließen, die mit konventionellen Fördermethoden kaum zugänglich sind. Für Deutschland geht das Umweltbundesamt unter Verweis auf die BGR von einem technisch förderbaren Schiefergasvolumen von im Mittel rund 940 Milliarden Kubikmetern aus; ohne die flacheren Potenziale zwischen 500 und 1.000 Metern Tiefe wären es etwa 800 Milliarden Kubikmeter. Das klingt viel. Allerdings lag der deutsche Erdgasverbrauch 2021 noch bei rund 104 Milliarden Kubikmetern, und auch das Umweltbundesamt (UBA) betont, dass solche Vorkommen nicht schnell und nicht in beliebiger Menge erschlossen werden können. Exploration, Genehmigungen, Bohrungen und Infrastruktur würden Jahre dauern.

Gerade für die kurzfristige Krisenbewältigung hält das Umweltbundesamt Fracking deshalb nicht für geeignet. Wörtlich heißt es, eine Schiefergasförderung in Deutschland sei „weder notwendig, noch kann sie kurzfristig zur Vermeidung von Gasmangellagen und signifikanten Preissignalen beitragen“. Auch heute ist Deutschland nicht in einer akuten Mangellage: Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 einen Gasverbrauch von 864 TWh, das waren zwar 2,2 Prozent mehr als 2024, aber immer noch rund 13,5 Prozent weniger als im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021.

Umwelt- und Wasserressourcen im Fokus

Ein zentraler Kritikpunkt bleibt das Wasser. Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Zusatzstoffen unter hohem Druck in den Untergrund gepresst. Das Umweltbundesamt spricht von mehreren tausend Kubikmetern Wasser pro Bohrung. Das Bundesumweltministerium nennt für eine Bohrung mit sechs horizontalen Bohrsträngen sogar einen Bedarf von bis zu 174.000 Kubikmetern – ungefähr so viel wie der tägliche Wasserverbrauch aller Einwohner Münchens. Hinzu kommen Lagerstättenwasser und sogenannter Flowback, also belastete Rückflüsse, die behandelt und entsorgt werden müssen.

Das Grundwasserrisiko ist einer der Hauptgründe für die strenge deutsche Regulierung. Das UBA warnt ausdrücklich davor, dass die Fracking-Technologie zu Verunreinigungen des Grundwassers führen kann – insbesondere wegen der eingesetzten Chemikalien und der Entsorgung des anfallenden Abwassers. Deshalb gilt in Deutschland seit 2017 ein weitreichendes Verbot des unkonventionellen Frackings; selbst konventionelle Projekte unterliegen Umweltverträglichkeitsprüfungen und sind in Wasser- und Naturschutzgebieten ausgeschlossen.

Klimapolitische Perspektive

Auch klimapolitisch ist Fracking schwer mit den langfristigen Zielen Deutschlands und der EU vereinbar. Zwar verursacht Erdgas bei der Verbrennung weniger CO2 als Kohle, doch die Gesamtbilanz hängt stark von Förderung, Methanleckagen, Aufbereitung und Transport ab. Das RIFS Potsdam verweist darauf, dass die real zu erwartenden CO2-Emissionen aus Schiefergasförderung höher liegen dürften als die Emissionen aus der derzeitigen deutschen Erdgasproduktion. Die Umweltexperten ziehen daraus den klaren Schluss, dass Schiefergasförderung als fossile Technik „keine mittel- und langfristige Perspektive in einer treibhausgasneutralen Energieversorgung“ hat.

Dazu kommt: Der Gasbedarf soll langfristig sinken. In seiner RESCUE-Studie geht das UBA davon aus, dass der Gasbedarf in Deutschland bis zur Treibhausgasneutralität auf bis zu 140 TWh fallen kann – das entspräche nur noch etwa 15 Prozent des Erdgasverbrauchs von 2021. Fracking würde also ausgerechnet in eine Infrastruktur investieren, deren wirtschaftliche Basis mit fortschreitender Energiewende kleiner werden soll.

Politische und rechtliche Lage in Deutschland

Rechtlich ist die Lage klarer, als es in Debatten oft klingt. Seit dem 11. Februar 2017 gelten die Änderungen im Wasserhaushaltsgesetz. Unkonventionelles Fracking aus kommerziellem Interesse ist in Deutschland unzulässig; erlaubt sind bundesweit nur vier wissenschaftliche Erprobungsmaßnahmen, denen jeweils auch die Landesregierung zustimmen müsste. Konventionelles Fracking, vor allem in Sandstein, ist nicht pauschal verboten, aber nur unter strengen Bedingungen zulässig – etwa mit nicht oder nur schwach wassergefährdenden Gemischen und mit verpflichtender Umweltverträglichkeitsprüfung. Im März 2026 bestätigte die Bundesregierung gegenüber dem Bundestag nochmals, dass Fracking in Deutschland seit 2017 verboten ist – gemeint ist dabei das unkonventionelle Fracking nach WHG.

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Fracking in Europe, Graphic by Energy Europe Editorial Team

Wirtschaftliche Realität in Europa

Wirtschaftlich ist Fracking in Europa bislang kein Selbstläufer. Anders als in den USA fehlen in vielen europäischen Ländern die Kombination aus großen zusammenhängenden Lagerstätten, dichter Dienstleistungsinfrastruktur, günstigen Flächenbedingungen und hoher politischer Akzeptanz. Das UBA verweist auf Vollkosten für deutsches Schiefergas von rund 10 US-Dollar je MBtu in einer älteren EWI-Schätzung und betont zugleich, dass eine wirtschaftliche Förderung nur in Hochpreisphasen plausibel wäre – nicht aber dauerhaft. Selbst die heimische konventionelle Gasförderung spielt inzwischen nur noch eine kleine Rolle: 2024 lag sie in Deutschland bei 40,9 TWh und deckte damit nur 4,8 Prozent des inländischen Gasverbrauchs.

Auch aus Versorgungssicht relativiert das den Fracking-Nutzen. Selbst ifo-Forscher sprechen nur von einem begrenzten Potenzial: Nach Schätzungen der Wirtschaft könnte Fracking in Deutschland allenfalls etwa 6 bis 12 Prozent des Gasverbrauchs decken. Gleichzeitig hat die EU ihre Importstruktur bereits grundlegend umgebaut, und die Kommission sieht derzeit keine unmittelbare Versorgungslücke. Das spricht dafür, dass Fracking eher eine langwierige und teure Zusatzoption wäre als eine tragende Säule europäischer Energiesicherheit.

Alternativen statt Fracking

Je weiter die Energiewende vorankommt, desto schwächer wird das Argument für neue fossile Förderprojekte. Das UBA verweist auf den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung in Gebäuden und Industrie sowie den geplanten Rückgang der Gasverstromung. Aus seiner Sicht würde ein Einstieg in die Schiefergasförderung das falsche Signal senden, weil neue fossile Infrastruktur aufgebaut würde, obwohl der Gasbedarf langfristig sinken soll. Versorgungssicherheit entsteht unter diesen Bedingungen eher durch erneuerbare Energien, Netzausbau, Speicher, Effizienz und den Hochlauf von Wasserstoff als durch neue Fracking-Projekte.

Fazit

Fracking ist technisch machbar, bietet jedoch weder für Deutschland noch für Europa eine tragfähige Perspektive. Zwar existieren geologisch relevante Vorkommen, doch ihre Erschließung wäre teuer, zeitaufwendig und politisch hoch umstritten. Hinzu kommen ökologische Risiken für Wasser und Klima sowie eine geringe gesellschaftliche Akzeptanz. Gleichzeitig hat sich die Versorgungslage deutlich entspannt: Die EU konnte ihre Abhängigkeit von russischem Gas seit Beginn des Krieges erheblich verringern – von 45 Prozent auf nur noch 12 Prozent im Jahr 2025. Experten gehen zudem davon aus, dass der Gasbedarf künftig sinken wird. Angesichts dieser Entwicklung spricht alles für den konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeffizienz – und nicht für die Wiederbelebung einer fossilen Förderdebatte.