Die am 30. November 2023 vorgestellte Initiative „30 erneuerbare Inseln für 2030“ macht die EU 30 Inseln und Inselgruppen aus 10 EU-Ländern zu realen Testfeldern für die Energiewende. Statt ein Einheitsmodell vorzuschreiben, unterstützt sie die Bottom-up-Bemühungen jeder einzelnen Insel, sich von fossilen Brennstoffen zu lösen und echte Energieunabhängigkeit zu erreichen.
Wenn es um die Energiewende geht, nehmen Inseln eine Sonderstellung ein. Geografisch isoliert und oft vom Festlandnetz abgeschnitten, stoßen sie auf strukturelle Schwächen, mit denen kontinentale Regionen nicht ringen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) kann die Stromerzeugung auf Inseln aufgrund der Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen und der begrenzten Netzverbindungen bis zu zehnmal teurer sein als auf dem Festland.
Im November 2023 wählte die Europäische Kommission 30 Inseln und Inselgruppen in zehn EU-Ländern aus, um ihnen den Weg zur Energieunabhängigkeit zu ebnen. Die Initiative „30 Renewable Islands for 2030” fördert ihre einzigartigen, von unten nach oben gerichteten Transformationsprozesse und verwandelt diese Außenposten in mutige, reale Labore für dezentrale, saubere Energie. Wie Koordinatorin Edita Dranseikaite es ausdrückte, ist eine Umstellung auf saubere Energie auf Inseln einfach unvermeidlich.
Jetzt, zur Halbzeit bis zum Zieltermin 2030, zeichnen sich drei wichtige Trends immer deutlicher ab.
Von Zentraler Steuerung zur Bürgerenergie
Die Energiesysteme auf Inseln waren lange von den nationalen politischen Rahmenbedingungen geprägt. Ansätze, die für große, miteinander verbundene Netze konzipiert sind, scheitern jedoch oft in kleinen, isolierten Umgebungen. Eine der sichtbarsten Veränderungen innerhalb der Initiative „30 bis 2030” ist daher die institutionelle Agilität, durch die die Entscheidungsfindung näher an die lokalen Akteure rückt.
Die EU koordiniert und unterstützt, während Lösungen für erneuerbare Energien in hohem Maße ortsspezifisch bleiben. Das Solarpotenzial, die Windverhältnisse, die geothermische Aktivität, die Gezeitenstärke und die Bevölkerungsdichte variieren von Insel zu Insel erheblich. Daher sind einheitliche politische Vorlagen weniger effektiv als eine anpassungsfähige lokale Verwaltung.
Im Rahmen des von der EU finanzierten Projekts LIFE ISLET https://fedarene.org/project/islet/ haben die kroatischen Inseln Cres und Korčula kooperative Governance-Modelle eingeführt. Energiegenossenschaften bringen Kommunalbehörden, Unternehmen und Einwohner zusammen, um Kapital zu beschaffen, über Investitionen abzustimmen und schrittweise Übergangspläne zur CO2-Neutralität bis 2030 zu entwickeln.
Die Energiegenossenschaft Apsyrtides treibt auf Cres ein Solarkraftwerksprojekt voran, das von der Anschaffung von Vermögenswerten bis zur Installation von Photovoltaikanlagen reicht. Über die Umsetzung des Projekts hinaus sind die Genossenschaften auch an umfassenderen Infrastrukturdiskussionen beteiligt. So nahmen lokale Akteure in den letzten Jahren an Konsultationen zum Austausch veralteter Hochspannungskabel unter der Adria teil.
Bis 2026 soll es im Rahmen der Initiative auf fast jeder Insel eine Form eines partizipativen Governance geben, sei es in Form von Genossenschaften, Beiräten oder lokalen Vereinen. Die dänische Insel Fejø, die weniger als 500 Einwohner zählt, hat mit Unterstützung des dänischen Inselsekretariats einen strukturierten Bürgerdialog zum Thema grüne Energie ins Leben gerufen. Die Einwohner:innen diskutieren, ob ein bestehendes Naturschutzgebiet umgestaltet werden soll, um ein Windkraftprojekt zu ermöglichen.
Durch die Verlagerung von Energieprojekten auf zivilgesellschaftliche Institutionen bauen die Inseln Widerstandsfähigkeit gegenüber politischen Zyklen auf und stellen gleichzeitig sicher, dass die wirtschaftlichen Vorteile: Arbeitsplätze, Einnahmen und Energieeinsparungen – in der lokalen Gemeinschaft verbleiben.
Jenseits Solar & Wind: Inseln Entfesseln Exotische Energien
Während in Südeuropa die Photovoltaik und im Norden die Windenergie dominieren, streben mehrere Inseln eine breitere technologische Diversifizierung an.
Lesbos in Griechenland entwickelt sich zu einem Testfall für Geothermie neben der Bioenergieerzeugung aus organischen Abfällen. Die Insel ist bekannt für ihre geothermischen Quellen, die in der Vergangenheit vor allem zu Erholungszwecken genutzt wurden. Einige Hotels nutzen bereits geothermische Wärme, eine groß angelegte Stromerzeugung steht jedoch noch aus.
Laut einem Bericht vom Februar 2025 entwickelt PPC Renewables ein 0,25-MW-Pilot-Geothermiekraftwerk auf Lesbos. Geophysikalische Untersuchungen sind abgeschlossen, und die Anlage soll 2026 in Betrieb gehen. Obwohl das Projekt von bescheidenem Umfang ist, soll es die technische und wirtschaftliche Machbarkeit vor einer möglichen Erweiterung testen.
Weiter nördlich untersucht die niederländische Insel Ameland die Nutzung von Gezeitenkraft. Im Gegensatz zu den Mittelmeerinseln profitiert Ameland von starken Gezeitenströmungen. Im Rahmen des SeaQurrent-Projekts wurde ein Unterwasser-„Energiedrachen” entwickelt, der die Bewegung der Gezeiten in Strom umwandelt. Ein großer Aluminiumflügel bewegt sich unter der Oberfläche in einer Achterschleife und treibt einen am Meeresboden verankerten Generator an.
Das im Jahr 2024 gestartete Projekt zielt in seiner Anfangsphase darauf ab, rund 700 der insgesamt 1.700 Haushalte der Insel mit Strom zu versorgen. Obwohl es sich noch in der Experimentierphase befindet, zeigt das Projekt, wie die natürlichen Gegebenheiten einer Insel den technologischen Weg beeinflussen können.
Nicht jede Insel verfügt über das Windprofil der Ägäis oder die Sonneneinstrahlung des Mittelmeers. Die Initiative verdeutlicht jedoch ein allgemeineres Prinzip: Die EU kann als Katalysator fungieren und dabei helfen, verschiedene erneuerbare Ressourcen mit geeigneten Technologien in Einklang zu bringen, anstatt einheitliche Lösungen vorzuschreiben.

Speicherung und Optimierung als neue Herausforderung
Die technisch komplexesten Entwicklungen finden auf Inseln statt, auf denen die Erzeugung erneuerbarer Energien bereits etabliert ist und der Fokus sich nun auf Optimierung und Speicherung verlagert hat. Madeira in Portugal begann 1953 damit, Strom aus erneuerbaren Energien mittels Wasserkraft zu erzeugen. In den 1980er- und 1990er-Jahren expandierte die Insel bei Wind- und Solarenergie. Doch trotz jahrzehntelanger Fortschritte machten erneuerbare Energien im Jahr 2025 nur etwas mehr als ein Drittel des Strommixes aus: Laut regionalen Statistiken waren es 36,4 Prozent.
Im Gegensatz zu küstennahen Inseln wie Saaremaa in Estland, die den Anschluss in Offshore-Stromnetze anstreben, lässt die geografische Isolation Madeiras wenig Raum für Verbundnetze. Die Insel liegt fast 900 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt und muss Angebot und Nachfrage daher intern ausgleichen.
Im Rahmen des Programms „30 bis 2030” erforscht Madeira fortschrittliche Speicherlösungen, darunter unterirdische Speicheranlagen, thermische Wasserspeichersysteme und dezentrale, netzunabhängige Anlagen. Der Fokus liegt dabei nicht mehr nur auf der Erweiterung der Kapazitäten, sondern auch auf der Stabilisierung und Optimierung der schwankenden Ökostromproduktion.
Ikaria in Griechenland ist ein ähnlicher Fall. Die Insel betreibt bereits ein Pumpspeicherkraftwerk, doch Forscher suchen weiterhin nach Möglichkeiten, das System effizienter zu machen. Eine Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte das Potenzial der Ausstattung von Photovoltaikanlagen mit zweiachsigen Nachführsystemen, die der Sonne folgen und Verschattungen minimieren. Der Analyse zufolge könnte eine solche Nachführtechnologie die jährliche PV-Leistung im Vergleich zu fest installierten Modulen um bis zu 21,3 Prozent steigern, wobei die größten Gewinne während der touristischen Hochsaison erzielt würden, wenn der Strombedarf am höchsten ist.
Dieser Wandel läutet eine neue Phase der Energiewende ein. Selbst die modernsten Solar- und Windkraftanlagen können in isolierten Systemen ohne Speicher und intelligente Optimierung selten den vollen Energiebedarf decken. Die Herausforderung besteht somit nicht mehr nur im Ausbau, sondern auch in einem intelligenten Systemmanagement.
Fahrplan in die dezentrale Ära
Insgesamt zeigen die sich aus der Initiative „30 Renewable Islands for 2030” abzeichnenden Trends einen Wandel, der demokratisch, technologisch vielfältig und zunehmend datengesteuert ist.
Die Entscheidungsfindung rückt näher an die Gemeinden heran. Das Technologieportfolio erweitert sich über die konventionelle Solar- und Windenergie hinaus. Speicherung, Optimierung und Systemintelligenz werden zu zentralen Faktoren für die Energieautonomie.
Für das europäische Festland sind die Lehren daraus von großer Bedeutung. Zwar profitieren Kontinente von miteinander verbundenen Netzen und Skaleneffekten, sie stehen jedoch vor ähnlichen Herausforderungen in Bezug auf Resilienz, Volatilität und Dekarbonisierung. Inseln mögen kleiner sein, arbeiten aber an der Spitze der dezentralen Energieversorgung.
Sie sind nicht mehr nur malerische Reiseziele, sondern werden zu Testfeldern für eine widerstandsfähige und anpassungsfähige europäische Energiezukunft.