VENEZUELA ERSCHÜTTERT – ÖLMARKT BLEIBT RUHIG

Die jüngsten politischen Unruhen in Venezuela haben erneut die Aufmerksamkeit der globalen Energiemärkte auf sich gezogen, doch die Ölpreise bleiben gedämpft, wobei Brent-Rohöl bei etwa 60 US-Dollar pro Barrel gehandelt wird. Analysten zufolge spiegelt diese gedämpfte Reaktion eher die allgemeinen Versorgungsbedingungen wider als eine mangelnde Besorgnis über die Instabilität in Venezuela.

Politisches Erdbeben, begrenzte Preisreaktion

Die Operation des US-Militärs zur Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro rückte das Land in den Fokus der geopolitischen Schlagzeilen. Venezuela verfügt mit etwa 303 Milliarden Barrel Ölreserven, also rund 17–18 % der globalen Gesamtreserven, über das größte bekannte Erdölvorkommen der Welt. Doch seine Produktion ist aufgrund langfristiger Unterinvestitionen, Sanktionen und des Verfalls der Infrastruktur stark zurückgegangen.

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Selbst als die Preise nach Bekanntwerden der Intervention kurzzeitig schwankten, stabilisierten sich die Märkte schnell wieder. Viele Marktstrategen, darunter Simon Wong, Portfoliomanager bei Gabelli Funds, argumentieren, dass Nachrichten zwar kurzfristige Schwankungen auslösen können, die Ölpreise im Laufe der Zeit jedoch eher von Fundamentaldaten als von täglichen Schlagzeilen beeinflusst werden.

Energieanalysten bestätigen, dass Venezuelas Rolle in der globalen Versorgung auf einen Bruchteil des Marktes geschrumpft ist, mit einer Produktion von weniger als 1 % der weltweiten Fördermenge. Ein Grund, warum Händler die jüngsten Turbulenzen eher als Schlagzeilenrisiko denn als fundamentalen Schock betrachten. Die weltweite Ölproduktion liegt derzeit bei über 100 Millionen Barrel pro Tag (je nach Jahr und Quelle etwa 105 bis 107 Millionen Barrel pro Tag). Aus Marktsicht gilt alles unter 1 % der weltweiten Produktion als strukturell gering. Eine Erklärung, warum Störungen oder politische Schocks in Venezuela derzeit nur begrenzte Auswirkung auf die weltweiten Ölpreise haben, verglichen mit Entwicklungen in wichtigen Förderländern wie den USA, Saudi-Arabien oder Russland.

Venezuela macht derzeit nur einen kleinen Teil der weltweiten Ölversorgung aus, und Analysten halten einen bedeutenden Anstieg angesichts des Umfangs der erforderlichen Reparaturen und Investitionen in naher Zukunft für unwahrscheinlich. Das bedeutet, dass Störungen dort weit weniger Einfluss haben als früher. Noah Barrett, Research Analyst bei Janus Henderson ((“Venezuela: Implications for oil and the energy sector”), erklärt:

„Die Ölmärkte sind relativ ruhig geblieben, da die geringere Rolle Venezuelas bei der weltweiten Versorgung und ein bereits gut versorgter Weltmarkt die kurzfristigen Auswirkungen geopolitischer Schocks auf die Preise dämpfen.“

Reichlich Öl, sinkender Preisdruck

Die Märkte sind vor allem deshalb ruhig geblieben, weil die Produktion aus anderen Regionen, darunter die Vereinigten Staaten, Brasilien, Guyana und Argentinien, weiter wächst. Gleichzeitig haben die OPEC+-Produzenten ihre Förderkürzungen zurückgenommen, wodurch das weltweite Angebot reichlich bleibt und zu einem prognostizierten Überschuss im Jahr 2026 beiträgt.

Die Ölmärkte, die mittlerweile weiter entwickelt sind, spiegeln bereits die erwarteten Angebotssteigerungen verschiedener Produzenten sowie zusätzliche Barrel aus Venezuela wider, sodass ein Preisanstieg wahrscheinlich begrenzt sein wird, bemerkt Martijn Rats, globaler Rohstoffstratege bei Morgan Stanley.

„In diesem Szenario schätzen wir, dass die Brent-Preise möglicherweise auf Mitte 50 Dollar fallen müssen, um die notwendige Verlangsamung des Angebots zu bewirken.“ Das bedeutet, dass Brent in einem eher pessimistischen Szenario Mitte 50 Dollar testen könnte, wenn das Überangebot anhält und die Nachfrage nachlässt.

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Verdreifachung der Venezuela-Förderung dauert über ein Jahrzehnt

Mit Blick auf die Zukunft warnen Analysten, dass die Wiederherstellung der Ölproduktion Venezuelas Jahre dauern und enorme Investitionen erfordern wird. Selbst optimistische Szenarien gehen davon aus, dass die venezolanische Produktion zwar allmählich zunehmen könnte, jedoch nicht schnell genug, um die globale Preisentwicklung im Jahr 2026 zu beeinflussen.

Ein Branchenexperte drückte es so aus:

„Die letztendlichen Auswirkungen auf die Ölpreise hängen davon ab, ob Venezuela nachhaltige ausländische Investitionen anziehen und seine Ölinfrastruktur wiederaufbauen kann – ein Prozess, der sich über Jahre und nicht über Monate erstreckt.“

Der Council on Foreign Relations stellt fest, dass „die vollständige Wiederherstellung der Ölproduktion und der Einnahmen Venezuelas Jahre dauern und viele Milliarden Dollar kosten wird“ und dass die Rückkehr zu früheren Produktionsniveaus wahrscheinlich etwa 10 Jahre und Investitionen in Höhe von 100 bis 180 Milliarden Dollar erfordern würde. Es wird erwartet, dass die Produktionssteigerungen in den nächsten Jahren gering ausfallen und sich 2026 nicht auf die Preise auswirken werden.

Analysten sagen, dass kurzfristig realistisch nur einige hunderttausend Barrel pro Tag hinzukommen können und dass die Märkte „mit einer verzögerten Erholung Venezuelas bis 2026 rechnen sollten“.

Energiestrategen gehen im Allgemeinen davon aus, dass die Ölpreise innerhalb einer bestimmten Bandbreite bleiben werden, sofern es nicht zu einer größeren Versorgungsunterbrechung kommt. Ihre Grundannahme ist, dass das starke Wachstum des Nicht-OPEC-Angebots und die anhaltenden Auswirkungen der politischen Entscheidungen der OPEC+ für eine gute Versorgung des Marktes sorgen und damit einen anhaltenden Aufwärtstrend begrenzen werden,  selbst wenn die politische Lage in Venezuela weiterhin instabil bleibt. In diesem Szenario sehen Experten Venezuela als einen von Schlagzeilen getriebenen Risikofaktor (der zu kurzfristigem Preisanstieg oder -rückgang führen kann), aber noch nicht als strukturellen Treiber für höhere Preise, solange Investitionen, Infrastrukturreparaturen und Exportkapazitäten nicht zu einer wesentlichen und zuverlässigen Versorgung des Marktes führen.

Fazit: Öl lässt sich nicht von Schlagzeilen beeindrucken

Energieanalysten sind sich einig, dass die politischen Unruhen in Venezuela, insbesondere im Hinblick darauf, wie das Land im Laufe der Zeit wieder in den Markt eintreten könnte, wichtig sind. Gleichzeitig sind sie sich jedoch einig, dass sie derzeit nicht der dominierende Preistreiber sind. Angesichts des weiterhin steigenden globalen Angebots und der allgemein als gut gefüllt angesehenen Lagerbestände hat der aktuelle Überschuss einen größeren Einfluss auf den Rohölpreis als die aktuellen geopolitischen Schlagzeilen. Derzeit gehen die meisten Prognosen davon aus, dass Öl in einem relativ moderaten Bereich gehandelt wird und dass etwaige Bewegungen eher schrittweise erfolgen werden. Sofern es nicht zu einer starken Veränderung der globalen Nachfrage oder einer größeren Unterbrechung der Versorgung an anderer Stelle kommt.