Die Straße von Hormus ist erneut zu einer Quelle globaler Besorgnis geworden. Diesmal geht es nicht nur um Krieg, sondern auch um das Risiko eines großen Energieschocks. Störungen auf dieser Route könnten zu einem Anstieg der Öl- und Gaspreise führen, die Inflation in die Höhe treiben und die größten Volkswirtschaften der Welt treffen. Eine lokale Eskalation im Nahen Osten könnte sich daher schnell zu einem globalen Stresstest für Märkte und Regierungen entwickeln. Experten argumentieren zudem, dass die Politik diesen Moment nutzen sollte, um die Architektur der Energiesicherheit zu überdenken und das Risiko ähnlicher Krisen in Zukunft zu verringern.
Ende Februar 2026 führten die USA und Israel eine Reihe koordinierter Luftangriffe auf Ziele im Iran durch. Dabei wurden militärische Infrastruktur sowie Einrichtungen, die mit den Raketen- und Nuklearprogrammen des Landes in Verbindung stehen, attackiert. Die Ölpreise waren bereits vor Beginn dieses militärischen Konflikts in der rohstoffreichen Region auf ein Mehrmonatshoch geklettert, da Händler die Folgen möglicher Angriffe auf den Iran befürchteten. Als Reaktion darauf startete Teheran Angriffe auf die Ölraffinerie- und Gasinfrastruktur der Länder am Persischen Golf. Vor diesem Hintergrund erhöht die Eskalation um die Straße von Hormus das Risiko der größten Energiekrise seit Jahrzehnten und kann einen militärischen Zwischenfall rasch in einen globalen wirtschaftlichen Stresstest verwandeln.
DIE STRASSE VON HORMUS
Die Straße von Hormus ist ein strategisch wichtiger Korridor. Durch sie fließen bis zu 30 Prozent des weltweiten Öltransports per Schiff und etwa 20 Prozent der globalen LNG-Lieferungen. Damit ist sie zu einem zentralen Punkt der Spannungen zwischen den USA und dem Iran geworden und zugleich eine Schlüsselader des globalen Energiesystems. Vor dem Hintergrund des Krieges ist der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus fast vollständig zum Erliegen gekommen. Reedereien und Händler haben den Transport von Energieressourcen aufgrund von Sicherheitsbedrohungen und offizieller Warnungen eingestellt. Dadurch könnten täglich rund 15 Millionen Barrel Öl – etwa 30 Prozent des weltweiten Seetransports von Rohöl – nicht auf den Markt gelangen. Selbst wenn alternative Infrastrukturen genutzt würden, um die Meerenge zu umgehen, könnten die Verluste laut Rystad Energy immer noch bei 8 bis 10 Millionen Barrel pro Tag liegen. „Ob die Meerenge nun gewaltsam geschlossen wird oder aufgrund von Risikovermeidung unzugänglich gemacht wird – die Auswirkungen auf die Ströme sind weitgehend dieselben“ sagte Jorge Leon, Senior Vice President und Leiter der geopolitischen Analyse bei Rystad Energy, einem unabhängigen Forschung- und Energieanalyseunternehmen. „Sofern nicht schnell Signale für eine Deeskalation zu erkennen sind, rechnen wir mit einem deutlichen Preisanstieg“, fügte er hinzu. Selbst eine teilweise Unterbrechung des Schiffsverkehrs würde nicht nur den regionalen Exporteuren, sondern der gesamten Weltwirtschaft einen Schlag versetzen.
DEM ÖLMARKT DROHT EIN MASSIVER SCHOCK
Die Märkte reagierten umgehend: Die Preise für Brent und WTI stiegen in den ersten Tagen um 7 bis 13 Prozent und erreichten rund 87 bis 90 Dollar pro Barrel. Das war kaum überraschend, denn der Krieg der USA und Israels gegen den Iran sowie die faktische Schließung der strategisch wichtigen Straße von Hormus alarmierten die Anleger – trotz der Zusagen großer Förderländer, ihre Produktion zu erhöhen. Die OPEC+-Gruppe einigte sich darauf, die Förderung ab April auszuweiten, um die Märkte zu beruhigen. Das hatte jedoch kaum Auswirkungen. Ausschlaggebend für die Nervosität war weniger die aktuelle Versorgungslage als vielmehr das mögliche Ausmaß einer weiteren Eskalation. An der Wall Street wird bereits ein Szenario diskutiert, in dem eine vollständige Sperrung der Straße von Hormus die größte Energiekrise der modernen Geschichte auslösen könnte.
Iran fördert rund 3,3 Millionen Barrel Öl pro Tag und ist damit der drittgrößte Produzent innerhalb der OPEC. Das Land verfügt über eine der größten Ölreserven der Welt – etwa über ein Viertel der Reserven im Nahen Osten und rund 12 Prozent der weltweiten Bestände. Sollte der Transport dauerhaft stark eingeschränkt bleiben, könnte das Defizit mehrere zehn Millionen Barrel pro Monat betragen. „Wenn sich der Konflikt hinzieht und insbesondere dann, wenn er die tatsächliche Ölversorgung beeinträchtigt – sei es durch Ausfälle iranischer Lieferungen oder durch iranische Versuche, die Straße von Hormus zu blockieren -, könnten die Ölpreise auf etwa 100 Dollar pro Barrel steigen“, sagte William Jackson, Chefökonom für Schwellenländer bei Capital Economics. Da die Exporte aus den Golfstaaten derzeit vollständig blockiert sind, rechnen einige Analysten bereits mit einem Anstieg auf 150 Dollar pro Barrel. Sollte die Krise anhalten, könnten sich die Preise tatsächlich oberhalb von 100 Dollar pro Barrel einpendeln. Bei schweren Schäden an der Infrastruktur in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder Katar wäre sogar ein noch deutlich stärkerer Anstieg möglich.
Einige Staaten haben nur begrenzte Möglichkeiten, die Meerenge zu umgehen. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate können einen Teil ihrer Exporte über alternative Pipelines zu Häfen außerhalb der Straße von Hormus leiten. Diese Kapazitäten decken jedoch nur einen Bruchteil des Gesamtvolumens ab. Die Vereinigten Arabischen Emirate können beispielsweise etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag an der Meerenge vorbeitransportieren, während ihre Gesamtexporte bei rund 2,7 Millionen Barrel täglich liegen. Für Irak, Kuwait, Bahrain und Katar gibt es dagegen praktisch keine Ausweichrouten – ihre Exporte sind fast vollständig von diesem Korridor abhängig. Die OPEC+ und andere große Förderländer befinden sich damit in einer schwierigen Lage. Einerseits könnten einige Staaten ihre Produktion technisch erhöhen, um Ausfälle auszugleichen. Andererseits machen logistische Engpässe, Risiken für die Tankerflotte und steigende Versicherungsprämien aus einer Produktionsfrage vor allem ein Lieferproblem: Selbst wenn freie Kapazitäten vorhanden sind, ist keineswegs sicher, dass zusätzliche Mengen schnell auf den Markt gebracht und physisch an die Verbraucher geliefert werden können.
GASMÄRKTE IN ASIEN UND EUROPA STARK UNTER DRUCK
Auch die Lage auf dem Gasmarkt ist äußerst angespannt. Rund 80 Prozent des LNG, das durch die Straße von Hormus transportiert wird, sind für asiatische Volkswirtschaften bestimmt, darunter China, Indien, Japan, Südkorea und Taiwan. Die übrigen 20 Prozent gehen nach Europa. Das bedeutet, dass der Hauptschock vor allem in Asien zu spüren sein wird. Doch auch Europa wird unter Druck geraten, insbesondere angesichts seines nach 2022 umstrukturierten Importsystems.
Die Eskalation wirkt sich bereits auf die Infrastruktur der Region aus. QatarEnergy hat die LNG-Produktion nach iranischen Drohnenangriffen auf wichtige Unternehmensanlagen eingestellt. Dies hat die Nervosität auf den Gasmärkten weiter erhöht. Wenn die LNG-Lieferungen nicht wieder aufgenommen werden, könnten die Preise das Niveau von 2022 erreichen oder sogar übersteigen. Für viele Entwicklungsländer in Asien sowie für einige europäische Volkswirtschaften würde dies eine deutliche Verschlechterung der Handelsbilanz, Inflationsspitzen und ein wachsendes Rezessionsrisiko bedeuten.
Hinsichtlich des Ausmaßes könnte der potenzielle Schock in der aktuellen Lage die Auswirkungen des Ölembargos der 1970er Jahre übertreffen. Damals führte die Krise zu hoher Inflation und einem strukturellen Umdenken in der westlichen Energiepolitik. Heute ist die Weltwirtschaft noch stärker vernetzt, und die Energiemärkte sind noch stärker finanziell integriert. Die Gesamtwirkung wird davon abhängen, wie stark die Ölpreise steigen. Da Rohöl ein wichtiger Bestandteil der Weltwirtschaft ist, treibt jeder starke Preisanstieg unweigerlich die Kosten vieler anderer Güter in die Höhe.
Selbst die Vereinigten Staaten, die formal einen hohen Grad an Energieautarkie genießen, bleiben davon nicht unberührt. Steigende globale Preise schlagen sich automatisch auf den heimischen US-Kraftstoffmarkt nieder. Die Benzinpreise im Einzelhandel sind bereits gestiegen.
Im Jahr 2022 lag der Durchschnittspreis bei über 5 Dollar pro Gallone. Dieser Anstieg ging mit einem starken Rückgang der Zustimmungswerte für die Regierung unter Präsident Joe Biden einher. Ein erneuter Anstieg der Kraftstoffpreise könnte im Vorfeld der Kongresswahlen zu einem ernstzunehmenden politischen Faktor werden. Dies würde für die Demokraten zu einem wichtigen Wahlkampfthema werden und für die derzeitige Regierung in einer Zeit schwieriger außen- und wirtschaftspolitischer Verhandlungen ein zusätzliches Risiko darstellen.

INFLATION UND GELDPOLITIK
Steigende Öl- und Gaspreise wirken sich schnell auf die Verbraucherpreisinflation aus. „Im Durchschnitt führt ein Anstieg der Ölpreise um 5 Prozent pro Jahr zu einem Anstieg der Inflation in den Industrieländern um etwa 0,1 Prozentpunkte“, sagte William Jackson.
Philip Lane, der Chefökonom der Europäischen Zentralbank, warnte, dass ein längerer Krieg im Nahen Osten die Inflation in der Eurozone in die Höhe treiben und das Wirtschaftswachstum verlangsamen könnte. „Ein Anstieg der Energiepreise übt grundsätzlich einen Aufwärtsdruck auf die Inflation aus, insbesondere kurzfristig. Ein solcher Konflikt würde sich zudem negativ auf die Wirtschaftstätigkeit auswirken. Das Ausmaß der Auswirkungen und die Folgen für die mittelfristige Inflation hängen vom Umfang und der Dauer des Konflikts ab“, sagte er.
Eine höhere Inflation könnte das Verbrauchervertrauen und die Konsumausgaben schwächen. Gleichzeitig würde sie die Zentralbanken dazu zwingen, die Zinsen länger auf einem höheren Niveau zu halten oder sogar weiter anzuheben. Dies würde zu einer zusätzlichen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und möglicherweise sogar zu einer Stagnation führen. Dies würde den Druck auf die Zentralbanken weltweit erhöhen und ihren Spielraum für Zinssenkungen einschränken. Für die Industrieländer bedeutet dies das Risiko einer erneuten Inflationswelle inmitten eines bereits verlangsamten Wachstums. Für die Schwellenländer bedeutet dies eine steigende Schuldenlast und Kapitalabflüsse.
ZEITEN ERHÖHTER RISIKEN
Kurzfristig dürften die Märkte weiterhin sehr volatil bleiben, während die geopolitischen Risikoprämien hoch bleiben dürften. Jede Eskalation rund um die Straße von Hormus würde zu starken Preisschwankungen führen. Gleichzeitig könnten das allmähliche Aufkommen diplomatischer Signale sowie die gesammelten Erfahrungen im Krisenmanagement dazu beitragen, solche Ausschläge zu verkürzen und besser kalkulierbar zu machen.
Mittelfristig dürfte die Krise die Diversifizierung der Transportwege beschleunigen, eine Überprüfung der Logistikketten erzwingen und den Ausbau strategischer Reserven fördern. Dadurch könnte das System widerstandsfähiger gegenüber künftigen Schocks werden. Die Länder werden versuchen, ihre Abhängigkeit von engen Transportkorridoren und instabilen Regionen zu verringern. Gleichzeitig dürften sie die regionale und interregionale Zusammenarbeit im Energiebereich weiter stärken.
Zieht sich die Krise hin, könnte dies nicht nur eine weitere Welle von Turbulenzen auslösen, sondern auch eine neue Preis- und Infrastrukturrealität entstehen lassen. In dieser würden Risiken sowohl in Modellen als auch in der Politikgestaltung stärker berücksichtigt. Das würde eine tiefgreifende Umstrukturierung der globalen Energiearchitektur nach sich ziehen und zugleich Chancen eröffnen, die Energiewende zu beschleunigen, alternative Infrastrukturen auszubauen und die langfristige Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft zu stärken.