Doha im Fokus – Europas neue Gasstrategie

Der Besuch des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz in Katar im Februar 2026 war mehr als ein bilaterales Treffen. Er passt in eine umfassendere Strategie der Europäischen Union, die LNG-Lieferungen stärker zu diversifizieren. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Abhängigkeit von amerikanischem LNG und der wachsenden Unvorhersehbarkeit in Washington versuchen Berlin und Brüssel, ihre Energieversorgung stabiler aufzustellen. In diesem Zusammenhang gilt Katar als einer der weltweit wichtigsten Gasproduzenten und -exporteure und als strategisch wichtiger Partner.

Katar gewinnt an Gewicht in Europas Energiepolitik

Ein zentrales Thema der Gespräche zwischen Merz und Vertretern Katars waren LNG-Lieferungen. Deutschland will den Kreis seiner Lieferanten erweitern und den Anteil amerikanischen Gases an seiner Energiebilanz verringern. Für das laufende Jahr sind rund zwei Millionen Kubikmeter katarisches LNG für Deutschland geplant. Das ist nach europäischen Maßstäben wenig, politisch aber bedeutsam. Bislang war Deutschland auf Pipelinegas angewiesen. Erst nach der Energiekrise 2022 begann der beschleunigte Bau von Terminals.

Andere europäische Staaten haben dagegen längst stabilere Beziehungen zu Doha aufgebaut. Katar ist bereits ein wichtiger Gaslieferant für die EU. Laut dem Analyseunternehmen Kpler deckte das Emirat 2024 zwischen 12 und 14 Prozent des europäischen LNG-Bedarfs und lieferte rund 37,1 Millionen Tonnen in die Union. Nach Schätzungen der Deutschen Welle lag Katars Anteil an den europäischen LNG-Importen bei etwa 12 Prozent, die USA kamen auf 43 Prozent.

Die größten Abnehmer katarischen Gases in Europa sind weiterhin Italien und Polen. In Italiens LNG-Importen entfallen rund 45 Prozent auf Katar, in Polen sind es etwa 38 Prozent. Diese Länder haben deutlich früher als Deutschland langfristige Verträge abgeschlossen und verfügen über die Infrastruktur, um das Gas aufzunehmen und zu regasifizieren.

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Diversifizierung als strategisches Instrument

Mit der wachsenden Abhängigkeit der EU von amerikanischem LNG ist Diversifizierung wieder stärker in den Fokus gerückt. Formal gesehen sind die USA weiterhin Europas größter Gaslieferant. In Brüssel wächst jedoch die Sorge, dass eine zu starke Konzentration auf eine einzige Quelle strategische Risiken birgt.

EU-Kommissar für Energie und Wohnen Dan Jørgensen erklärte, die Union sei zunehmend besorgt über ihre Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas, besonders angesichts der scharfen Rhetorik von Präsident Donald Trump. Dazu zählen seine Äußerungen über eine mögliche Überprüfung der Handelsbeziehungen sowie Drohungen gegenüber Verbündeten. Das verstärkt die Befürchtung, dass Energieversorgung als politisches Druckmittel eingesetzt werden könnte.

Deshalb hat die EU die Gespräche mit alternativen Lieferanten wie Katar und Kanada intensiviert. Ziel ist nicht, auf amerikanisches Gas zu verzichten, sondern ein ausgewogeneres Importsystem zu schaffen, ohne dominante Position eines einzelnen Partners.

In diesem Sinne erscheint Katar als attraktive Option. Der LNG-Markt in Europa bleibt angespannt und wird nach Einschätzung von Analysten mindestens in den nächsten drei Jahren so bleiben. Wenn die weltweite LNG-Nachfrage bis 2030 tatsächlich auf über 600 Millionen Tonnen pro Jahr steigt, könnte die Erweiterung des katarischen North-Field-Feldes die Position des Emirats in Europa erheblich stärken. Branchenanalysten gehen davon aus, dass Doha seine Kapazitäten nach 2030 fast verdoppeln will. Europa gilt als einer der wichtigsten Absatzmärkte für diese zusätzlichen Mengen.

Planungssicherheit versus Marktflexibilität

Eine engere Zusammenarbeit mit Katar stößt jedoch auf strukturelle Hürden. Die wichtigste betrifft die Vertragsmodelle.

LNG-Lieferanten aus den Golfstaaten – darunter Katar – bestehen in der Regel auf langfristige Verträge mit Laufzeiten von mindestens 20 Jahren. Das hängt mit den hohen Investitionen zusammen: Förderung, Terminals und Infrastruktur kosten Milliarden. Ohne langfristige Zusagen rechnen sich viele Projekte schlechter.

Für die EU ist das ein Dilemma. Einerseits schaffen langfristige Verträge Versorgungssicherheit. Andererseits kollidieren sie mit den Klimazielen der Union und den Plänen, den Verbrauch fossiler Brennstoffe schrittweise zu senken.

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), formuliert es so:
„Eine stärkere Ausrichtung auf die Golfstaaten kann die Abhängigkeit von US-LNG zwar formell verringern, führt aber nicht automatisch zu mehr Energiesicherheit.“

Sie warnt vor neuen geopolitischen Abhängigkeiten und sogenannten „fossilen Lock-in-Effekten“. Diese erschweren den schnelleren Umstieg auf erneuerbare Energien, weil sie langfristige Investitionen in Gasinfrastruktur begünstigen. Zudem ist LNG naturgemäß einer der teuersten Brennstoffe.

„Verflüssigung, Transport und Regasifizierung sind energieintensive Prozesse – LNG bleibt langfristig teurer als andere Brennstoffe“.

Im vergangenen Jahr wurde außerdem eine EU-Richtlinie verabschiedet, die große Unternehmen verpflichtet, ihre globalen Lieferketten auf Menschenrechte und Umweltstandards zu prüfen. Auch wenn die Richtlinie erst 2028 in Kraft treten soll, prägen die Vorgaben schon jetzt die Verhandlungen.

Sollten europäische Vorschriften aus Sicht Katars zu belastend sein, könnte das Emirat zusätzliche Mengen nach Asien umleiten. Dort wächst die Nachfrage schneller – und die regulatorische Belastung ist geringer.

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Energiepolitik im Spannungsfeld globaler Konflikte

Auch die regionale Instabilität darf nicht außer Acht gelassen werden. Zwar kann die Erweiterung des North Field West-Feldes Katars Exportmöglichkeiten erhöhen, doch die Sicherheitsrisiken im Nahen Osten, etwa rund um die Straße von Hormus und im Roten Meer, bleiben für europäische Käufer ein zentrales Thema.

Hinzu kommt: Eine engere Zusammenarbeit mit Staaten am Persischen Golf wirft unweigerlich die Frage nach den moralischen Maßstäben der Energiepolitik auf. Thomas Geisel, ehemaliger Direktor für Erdgaseinkauf bei Ruhrgas/E.ON Ruhrgas, sagt:

„Wenn man russische Gasimporte mit moralischen Argumenten beendet hat, ist es moralisch schwer erklärbar, warum man nun in Katar oder Saudi-Arabien LNG einkaufen will“.

Rückkehr nach Doha

Vor diesem Hintergrund erhält der Besuch von Friedrich Merz in Katar eine symbolische und vor allem eine strategische Dimension. Deutschland möchte die Partnerschaft mit Katar vertiefen und zusätzliche Lieferoptionen erschließen – im Einklang mit dem europäischen Kurs, Energiebeziehungen zu verbreitern und Abhängigkeiten zu reduzieren. Dabei steht Berlin, wie andere EU-Staaten auch, vor ähnlichen Abwägungen: Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Klimaziele müssen in Einklang gebracht werden.

Ein zentraler Punkt sind langfristige Verträge, die so gestaltet werden müssen, dass sie mit der Klimapolitik der EU vereinbar sind, etwa durch flexible Laufzeiten, Anpassungsklauseln oder den schrittweisen Übergang zu klimafreundlicheren Energieträgern. Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten und der Wettbewerb mit asiatischen Märkten um künftige LNG-Mengen. Gerade deshalb gewinnen verlässliche Rahmenbedingungen, eine koordinierte europäische Nachfrage und partnerschaftliche Beziehungen an Bedeutung: sie erhöhen den Handlungsspielraum Europas und stärken die Resilienz der Energieversorgung.

Europa arbeitet daran, seine Energieversorgung breiter und unabhängiger aufzustellen und damit langfristig krisenfester zu machen. Dabei ist nicht der Wechsel von einem Hauptlieferanten zum nächsten entscheidend, sondern ein ausgewogener Mix aus Partnern, Routen und Vertragsmodellen. Der Besuch in Doha war ein weiterer Schritt auf diesem Weg: Er stärkt die außenpolitische Handlungsfähigkeit der EU und eröffnet den Mitgliedstaaten zusätzliche Optionen. Auch wenn Diversifizierung anspruchsvoll bleibt und eine sorgfältige Abstimmung erfordert, erweitert sie den Handlungsspielraum Europas – und verbessert somit die Energiesicherheit insgesamt.