Europa blickt nach vorn: Mit der neuen Strategie für kleine modulare Reaktoren (SMR) setzt die EU auf Innovationskraft und technologische Souveränität. SMR sollen nicht nur den Weg zu einer klimaneutralen Zukunft ebnen, sondern auch ein starkes Signal für ein selbstbewusstes, wettbewerbsfähiges Europa senden.
Im März wird die Europäische Union eine Strategie zur Entwicklung und Einführung kleiner modularer Reaktoren (SMR) vorstellen. Das Dokument wird Teil einer umfassenderen Klima- und Industrieagenda der EU sein, die auf das ehrgeizige Ziel ausgerichtet ist, die Treibhausgasemissionen bis 2040 um 90% gegenüber 1990 zu senken. In diesem Zusammenhang werden SMR nicht nur als technologische Neuheit betrachtet, sondern als Baustein der zukünftigen Energiearchitektur Europas – nachhaltig, kohlenstoffarm und industrieorientiert. Für Brüssel geht es dabei nicht nur um die Reduzierung von Emissionen, sondern auch um den Aufbau eines neuen industriellen Ökosystems, das die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Kontext des globalen technologischen Wandels sichern kann.
NEUE WEGE IN DER KERNENERGIE
Kleine modulare Reaktoren sind im Vergleich zu herkömmlichen Kernkraftwerken kompaktere Anlagen. Ihr wesentlicher Unterschied besteht im modularen Prinzip: Die Hauptelemente können im Werk gefertigt und dann zum Einsatzort transportiert werden. Dieser Ansatz eröffnet Möglichkeiten für die Serienproduktion und eine perspektivische Senkung der Kosten. Es wird davon ausgegangen, dass die Standardisierung der Projekte zu einer Verkürzung der Bauzeit und einer besseren Vorhersagbarkeit der Investitionen führen wird – ein Vorteil, der besonders für Erstprojekte in Ländern wichtig ist, die noch keine Erfahrung mit dem Bau von Kernkraftwerken haben.
Auf globaler Ebene verhindert die Kernenergie bereits heute den Ausstoß von rund 2 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr und gewährleistet zugleich eine stabile Stromerzeugung, was vor dem Hintergrund des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien mit variabler Einspeisung besonders wichtig ist. Mit dem steigenden Anteil von Wind- und Solarenergie am Energiemix der EU-Länder wächst die Bedeutung von Energiequellen, die die Netzfrequenz stabilisieren und die Grundlast decken können. In diesem Sinne werden SMR als technologische Ergänzung zur Entwicklung erneuerbarer Energien betrachtet, die es ermöglichen, den Bedarf an Gasreserven zu senken und die Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe zu verringern.
Die Möglichkeit, einen kleinen modularen Reaktor genau dort zu platzieren, wo Energie am dringendsten benötigt wird, ist ein wesentlicher Vorteil für eine klimaresiliente Industrie der Zukunft. So könnten beispielsweise ein oder mehrere SMR in der Nähe eines Stahlwerks, einer Wasserstoffproduktion oder eines Industrieparks für die Herstellung von Batterien installiert und diese direkt mit stabiler und klimafreundlicher Energie versorgen. Für energieintensive Branchen bedeutet dies eine Verringerung der Preisrisiken und eine Erhöhung der Nachhaltigkeit von Wertschöpfungs- und Lieferketten.
SMR können nicht nur zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Es handelt sich um hybride Energiesysteme, die Stromnetze mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien stabilisieren, industrielle Wärme für die chemische Industrie, die Metallurgie und die Zementproduktion bereitstellen, kohlenstoffarmen Wasserstoff erzeugen sowie in Fernwärmesystemen und an speziellen Standorten – etwa in Häfen oder an Flughäfen – eingesetzt werden können. Angesichts der Dekarbonisierung von Sektoren mit schwer zu vermeidenden Emissionen – Metallurgie, chemische Industrie, Verkehr – gewinnt diese Flexibilität strategische Bedeutung und macht SMR zu einem potenziellen Element einer umfassenden Energiewende.
MARKTPERSPEKTIVEN IN EUROPA
Das Volumen des europäischen Marktes für kleine modulare Reaktoren wurde im Jahr 2024 auf 2,29 Milliarden US-Dollar geschätzt. Prognosen zufolge wird er 2025 2,48 Milliarden US-Dollar erreichen und bis 2033 auf 4,45 Milliarden US-Dollar anwachsen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 8,33% im Zeitraum von 2025 bis 2033 entspricht. Dieses Wachstum ist auf die beschleunigte Energiewende, die steigende Stromnachfrage und den Bedarf an kohlenstoffarmer Grundlaststromerzeugung zurückzuführen. Die Verpflichtungen der Regierungen zur Erreichung von Netto-Null-Emissionen sowie die Sorge um die Energiesicherheit verstärken das Interesse an neuen Nukleartechnologien.
In Europa sind mehrere Länder aktiv, die SMR als Teil ihrer langfristigen Energiestrategie betrachten. Polen nimmt in diesem Prozess eine herausragende Stellung ein und verfolgt einen Kurs der schrittweisen Abkehr von der Kohle und des Ausbaus der Kernenergie. Dort entsteht das erste kleine modulare Kernkraftwerk Europas. Zudem prüfen Länder wie Belgien, Tschechien, Finnland, Italien, Litauen, die Niederlande, Norwegen, Polen und Rumänien Optionen für die Einführung kleiner modularer Reaktoren, was einen potenziellen Binnenmarkt für europäische Hersteller schafft.
Von besonderem Interesse ist das Segment der autonomen SMR. Prognosen zufolge wird es mit etwa 22,1% im Zeitraum von 2025 bis 2033 die höchste durchschnittliche jährliche Wachstumsrate aufweisen. Das schnelle Wachstum ist auf die Notwendigkeit zurückzuführen, die Energiesicherheit in abgelegenen Regionen und an kritischen Infrastruktureinrichtungen zu gewährleisten. Viele Inseln und nördliche Regionen sind nach wie vor auf Dieselgeneratoren angewiesen, was zu hohen Betriebskosten und erheblichen Umweltbelastungen führt. Autonome SMR können eine stabile Energieversorgung mit nahezu null Emissionen und langen Intervallen zwischen Brennstoffwechseln gewährleisten, was sie für Gebiete mit logistischen Einschränkungen besonders attraktiv macht.

FAHRPLAN FÜR DEN EUROPÄISCHEN MARKT
Gemäß dem Strategieentwurf betrachtet die Europäische Kommission SMR als Instrument zur Stärkung der Energieautonomie und zur Entwicklung neuer Industriezweige. Ziel ist der Aufbau eines vollwertigen europäischen Marktes für kleine Reaktoren, mit der Inbetriebnahme der ersten Anlagen bereits Anfang der 2030er Jahre. In der Strategie wird betont, dass für die Entwicklung eines europäischen SMR-Marktes eine klar definierte Nachfrage, attraktive Rahmenbedingungen für Investoren und die rechtzeitige Inbetriebnahme erster Anlagen entscheidend sind.
Besonderes Augenmerk gilt der Standardisierung, Serienfertigung und Koordinierung der SMR-Zulassung auf EU-Ebene. Geplant ist der Aufbau europäischer Lieferketten für Komponenten sowie die Koordinierung von Forschung, Brennstofffragen und Abfallentsorgung für kleine Reaktoren. Nach einer langen Phase ohne Neubau von Kernkraftwerken rücken Fragen der Kompetenzsicherung, der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal und der industriellen Zusammenarbeit wieder in den Vordergrund.
Im finanziellen Bereich werden Mechanismen zur Verringerung der Investitionsrisiken für die ersten Projekte, staatliche Garantien und der Einsatz europaweiter industrieller Förderinstrumente geprüft. Im Rahmen des Euratom-Programms wurden bereits 30 Millionen Euro für die Forschung zur Sicherheit von SMR bereitgestellt, weitere 15 Millionen Euro sind im Arbeitsprogramm 2026–2027 vorgesehen. Diese Maßnahmen sollen zur Schaffung einer technologischen Basis beitragen und das Vertrauen von Investoren in die neue Branche stärken.
KLEIEN REAKTOREN; GROSSE KLIMAZIELE
Die neuen Klimapläne der Europäischen Kommission sehen vor, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bis 2040 um 80% gegenüber 2021 zu reduzieren. In diesem Zusammenhang erkennt Brüssel den potenziellen Beitrag kleiner modularer Reaktoren zur Erreichung der Energie- und Klimaziele des europäischen Green Deal an.
„Wir haben beschlossen, eine Industrieallianz für kleine modulare Reaktoren zu gründen, um die Einführung der ersten Reaktoren bis 2030 in den Ländern zu erleichtern, die dies wünschen“, erklärte Kadri Simson, die damalige EU-Kommissarin für Energie, im Jahr 2024. Sie versicherte, dass dabei die höchsten Standards für Sicherheit und nachhaltige Entwicklung eingehalten würden.
Dank ihrer Größe, Leistungsfähigkeit und geringeren Ressourcenanforderungen im Vergleich zu Standardreaktoren können kleine modulare Reaktoren die Stabilität des Stromnetzes in Ländern mit hohem Anteil erneuerbarer Energien gewährleisten. In dieser Hinsicht eignen sie sich als Ersatz für Wärmekraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen wie Kohle betrieben werden.
„Der Einsatz kleiner modularer Reaktoren wird Europa erhebliche Vorteile bringen: größere Energieunabhängigkeit, weniger CO₂-Emissionen, neue Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum“, erklärte Yves Desbazeille, Direktor des European Atomic Forum (FORATOM).
GLOBALER KONTEXT UND PERSPEKTIVEN
Derzeit befinden sich in 18 Ländern weltweit mehr als 80 Projekte für kleine modulare Reaktoren in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Länder wie die USA, Kanada, Japan und Südkorea treiben ihre eigenen Technologien aktiv voran und schaffen damit ein wettbewerbsorientiertes Umfeld auf dem globalen Markt. Nach Prognosen der Internationalen Energieagentur könnten kleine modulare Reaktoren bis 2040 etwa 10% der weltweiten Kernkraftkapazität ausmachen. In Verbindung mit einer neuen Welle großtechnischer Reaktoren könnte dies die Struktur der globalen Kernenergieversorgung grundlegend verändern. Für Europa eröffnet dies die Möglichkeit, die Kernenergie zu einem Schlüsselelement seiner umweltfreundlichen Energiezukunft zu machen, die groß angelegte Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu ergänzen und die strategische Autonomie der Union zu stärken.
DEUTSCHLAND PRÜFT SMR-OPTIONEN
Berlin hat wiederholt betont, dass es keine Rückkehr zu stillgelegten Kernkraftwerken geben wird „Wir werden nicht zu den alten Reaktoren zurückkehren“, erklärte die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU).
Was SMR betrifft, prüft das Ministerium bereits einen möglichen Beitritt zu den Ländern, die diese Reaktoren aktiv entwickeln. „Wir sollten neue Konzepte prüfen, Teil der Diskussion sein – und dann entscheiden“, sagte Reiche.
Nach Reiches Ansicht muss Deutschland aus Kohle und Gas aussteigen – Kernenergie könnte hier eine Lösung sein. „Es geht nicht darum, auf Erneuerbare zu verzichten. Solar- und Windenergie brauchen aber Grundlastquellen“, betonte sie. SMR gelten daher als potenzieller Baustein der Energiezukunft.
ÖKONOMISCHE DIMENSIONEN
Die wirtschaftlichen Parameter von SMR-Projekten variieren erheblich. Die Kapitalkosten für ein Modul werden auf 1 bis 7 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die ersten Projekte – die sogenannten FOAK – sind aufgrund der Planungs- und Lizenzierungskosten teurer. In Zukunft soll die Serienproduktion (NOAK) durch Skaleneffekte zu einer deutlichen Kostensenkung führen.
Für ein europaweites SMR-Programm gibt es dabei keinen festen Gesamtbetrag: Die Finanzierung hängt von den einzelnen Projekten und Ländern ab; die Unterstützung durch die EU konzentriert sich vor allem auf Forschung, Koordination und Regulierung. Europa schafft damit die Grundlage für eine neue technologische Richtung, die zu einem festen Bestandteil seiner langfristigen Energiestrategie werden könnte. Wenn die ersten Anlagen tatsächlich Anfang der 2030er Jahre ans Netz gehen, könnten SMR ihren Platz im europäischen Modell für kohlenstoffarmes und industrieorientiertes Wachstum einnehmen.