Kann Polens „schwarzes Gold” Europa stärken?

Europas Dekarbonisierung setzt die polnische Kohleindustrie spürbar unter Druck. Gleichzeitig könnten neue Technologien aus dem „schwarzen Gold“ wieder einen wertvollen Rohstoff machen – etwa für Stahl, Chemikalien und mehr regionale Versorgungssicherheit.

Seit der Schließung des letzten tschechischen Steinkohlebergwerks (CSM/ČSM in Stonava) Anfang 2026 ist Polen das einzige EU-Land, in dem noch in nennenswertem Umfang Steinkohle gefördert wird. In vielen europäischen Medien erscheint der polnische Bergbau vor allem als notwendiges Übel. Doch unter bestimmten Bedingungen könnte er eher ein strategischer Baustein sein als eine reine Belastung.

Polens Kohle – die Debatte im Überblick

Polens Kohleindustrie ist über 250 Jahre alt. Für viele Menschen ist sie aber keine Geschichte von gestern, sondern Teil des Alltags. Noch immer sind zahlreiche Haushalte und Unternehmen auf Kohle angewiesen. Trotz aller Bemühungen, ihren Anteil am Energiemix zu senken, liefert Kohle weiterhin einen beträchtlichen Teil des polnischen Stroms und heizt ungefähr ein Drittel der Haushalte.

Erst kürzlich sank der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung laut dem in Warschau ansässigen Thinktank Forum Energii unter 50 % und erreichte im zweiten Quartal 2025 45,2 %. Dies markierte einen symbolischen Wendepunkt in der schrittweisen Energiewende des Landes.

Gleichzeitig ist Kohle in Polen mehr als ein fossiler Brennstoff. Der Begriff „schwarzes Gold“ steht für die Ressource, die die Industrialisierung des Landes in der kommunistischen Ära angetrieben hat. In Regionen wie Schlesien ist der Bergbau Teil einer generationsübergreifenden Identität – verbunden mit wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit und dem Gefühl nationaler Souveränität. Als Brüssel die Forderungen nach mehr europäischer Energieunabhängigkeit verstärkte, sahen sich viele Bergleute eher als Teil der Lösung denn als Teil des Problems.

Poland_Coal

Diese Spannungen zeigen sich auch politisch. Während die EU einen umfassenden Kohleausstieg fordert, bleibt die heimische Kohle-Lobby einflussreich. Gewerkschaften und Industrievertreter drängen darauf, den Bergbau so lange wie möglich zu erhalten. Nach Verhandlungen zwischen Bergarbeitergewerkschaften und den jeweiligen Regierungen sieht der aktuelle Plan vor, die Steinkohlebergwerke schrittweise bis 2049 zu schließen.

Die Abhängigkeit hat jedoch ihren Preis – finanziell, ökologisch und politisch. Der Sektor überlebt nur dank hoher staatlicher Unterstützung. Laut „Notes from Poland“ will der Staat 2025 Fördermittel in Höhe von 9 Milliarden Zloty (2,135 Milliarden Euro) und 2026 weitere fünf Milliarden Zloty (1,3 Milliarden Euro) bereitstellen. Tobiasz Adamczewski, Vizepräsident von Forum Energii, ordnet das so ein: „Dies entspricht etwa 10 % der Einnahmen aus der Einkommensteuer von Privatpersonen. Derzeit sind die Kosten für die Kohleproduktion in Polen fast doppelt so hoch wie der Marktpreis.“

Entsprechend zählt Polens Strom weiterhin zu den CO2-intensivsten in der EU. Mit der beschleunigten Dekarbonisierungsagenda wächst in mehreren Mitgliedstaaten die Frustration über Polens fortgesetzte Kohlenutzung.

In der öffentlichen Debatte steht meist die Kohle als Stromquelle im Vordergrund. Weniger beachtet wird, wofür Kohle industriell sonst noch taugen könnte. Dieser Artikel vertritt daher die These: Wenn Polen Kohle schrittweise aus der Energieerzeugung zurückzieht, zugleich aber ihre Nutzung in hochwertigen Industrieprozessen ausbaut – besonders in der Chemie – könnte das einen strategischen Weg eröffnen, um Teile der Branche jenseits reiner Nostalgie zu erhalten.

Infographics_Poland_Coal

Kohle als Quelle für Chemikalien und kritische Rohstoffe

Ein Ansatz für die Neuaufstellung des Kohlesektors liegt jenseits der Verbrennung – in hochwertiger chemischer Produktion. Das wäre ein echter Perspektivwechsel: weg von Kohle als Brennstoff, hin zu Kohle als industriellem Rohstoff. 

„Dank technologischer Fortschritte können Standorte, die einst als unwirtschaftlich galten, sich nun als wertvolle Quellen für begehrte Metalle erweisen“, sagt Dr. Alicja Kot-Niewiadomska vom Forschungsinstitut für Mineral- und Energiewirtschaft der Polnischen Akademie der Wissenschaften in einem Kommentar gegenüber der polnischen Nachrichtenagentur „Fakt“. 

Steinkohle ist zum einen ein wichtiger Rohstoff für die Kokserzeugung, die wiederum ein unverzichtbares Material für die Stahlherstellung in Hochöfen ist. Die Kokserzeugung konzentriert sich nach wie vor auf Schlesien, das industrielle Herz Polens. Obwohl in ganz Europa Technologien zur Stahlherstellung auf Wasserstoffbasis entwickelt werden, dominiert nach wie vor die Hochofenproduktion. Solange dies der Fall ist, könnte die Sicherung einer stabilen, nicht aus Russland stammenden Quelle für hochwertige Kokskohle als strategischer Vorteil für die europäische Industrie angesehen werden.

Mit Blick in die Zukunft, ist die potenzielle Gewinnung kritischer Rohstoffe und Seltenerdelemente aus Kohlevorkommen und Bergbauabfällen zu nennen. 

Die Europäische Union listet 34 kritische Rohstoffe auf, die für fortschrittliche Technologien wie Batterien, Elektronik, Verteidigungssysteme und Infrastruktur für erneuerbare Energien unerlässlich sind. Da viele dieser Materialien in großem Umfang aus China importiert werden, ist die EU bestrebt, ihre Lieferketten zu diversifizieren und die heimische Produktion zu stärken.

Umstrittene Projekte in Grönland verdeutlichen die geopolitische Dringlichkeit der Sicherung solcher Materialien. Auch Kohleflöze und die damit verbundenen Abfallströme können wirtschaftlich relevante Mengen kritischer Elemente enthalten.

Ausländische Unternehmen zeigen ein wachsendes Interesse am Potenzial Polens in diesem Bereich. So hat das ukrainische Unternehmen Coal Energy Investitionsmöglichkeiten geprüft, während das kanadische Unternehmen Mkango und Grupa Azoty Puławy ein Projekt zur Trennung von Seltenen Erden in Puławy entwickeln.

Krzysztof Galos, Polens Chefgeologe und Mitglied des Europäischen Ausschusses für kritische Rohstoffe, erklärt: „Aufgrund der langen Dauer von Investitionsprozessen, insbesondere im Bergbausektor, werden die Auswirkungen nicht sofort spürbar sein. Mittelfristig könnten sie jedoch erheblich sein. Wir müssen die Gewinnung, Verarbeitung und das Recycling kritischer Rohstoffe innerhalb der EU steigern, die Versorgungswege diversifizieren und angemessene strategische Reserven aufbauen.“

Unterm Strich würde sich der Fokus des Kohlesektors damit von Menge auf Wert verschieben. Statt Kohle als Energiequelle zu verteidigen, könnte Polen ausgewählte Bergbauaktivitäten als Beitrag zur strategischen Rohstoffautonomie der EU neu positionieren. Das würde die Industrie nicht in ihrer klassischen Form konservieren – könnte aber eine wirtschaftlich nüchternere und geopolitisch besser passende Grundlage schaffen, um Know-how, Infrastruktur und Beschäftigung in den Regionen zu sichern.